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18.11.14 - 14:06 Uhr

More than Gigolos!


Wie sehr es darauf ankommt WER WAS in welchem MOMENT von sich gibt, beweisen die Stimmlosen seit Jahren. Aber so pointiert wie zur Konzerteröffnung von „Welches Schweinderl?“ wurde das Konzept des situativen Gags selten ausgerollt.

 

Als Robert Lembke Ende der 80er zum letzten Mal fragte: „Welches Schweinderl hättens‘ denn gern?“, fiel halb Österreich binnen Sekunden ins TV-Koma. Als StimmLos-Moderator Paul Herbst den Faden am 14. und 15. November 2014 im (jeweils ausverkauften) Emailwerk wieder aufnahm, wussten nur fünfzig Prozent, wer Robert Lembke war, aber Paul Herbst machte mit seinem ganz persönlich absurden Humor eine eigene neue Live-Sendung daraus.

 

Gleich zu Beginn schmettern die schwarzen Herren ein „Mama Loo“ in den Saal, dass John Leslie Humphreys, wäre er nicht seit 2007 im Himmel der Evergreens, garantiert angerufen hätte, um die stimmlose Version zu covern. Dass sich seiner Zurückhaltung entledigende Publikum bringt sich mal in Stimmung und tobt. Wenn der zweite Song „Just a Gigolo“ mit einer Ganzkörperperformance von Hans Breitfuss als Wogenglätter gedacht war, stellt sich der gewünschte Erfolg dieser Taktik leider nicht ein. (Gottlob kann man schwarze BHs im dunklen Saal nicht fliegen sehen.)

 

Die Spur des Extrem-Entertainings verlassen die Stimmlosen während des gesamten Konzerts nicht. Dennoch entdeckt der geschulte Oktetthörer im Programm immer wieder Kleinode, die deutlich über das ohnehin hohe A-cappella-Niveau hinausgehen. Einer dieser Sätze war eine Neuauflage des Doppelquartett-Ursatzes „Mein kleiner grüner Kaktus“. Die ursprüngliche, als Solo mit Begleitung geschriebene Nummer, wurde auf 8 gleichwertige Einzelstimmen aufgeteilt. Eine atemberaubende Leistung der, es sei hier betont, acht Laiensänger!

 

So es einen roten Faden durch Stimmlos-Konzerte gibt, ist es die Abwesenheit desselben. Noch während sich das Publikum wieder aufrecht ins Gestühl richtete, setzten die seriösen Midlifer zum Frontalangriff auf die Herzgegend an. War das sentimentale „When The Moon“ für gestandene Stoiker gerade noch wegzustecken, riss das folgende „Blackbird“ einen tiefen Gefühlskrater, dort, wo sich soeben noch ein Rest Selbstbeherrschung befand. Wangen begannen zu hängen, Falten wurden glattgebügelt und das Auge glänzte leicht in der Dunkelheit. Ergriffenheit in seiner vokalsten Form sickerte von der Bühne.

 

Als letzte Nummer vor der Pause werden die Konzertgäste mit der Stimmlos-Vorstellung einer Harke bekannt gemacht. Einer richtigen Harke! Es braucht eigentlich keine Anmoderation als Vorbereitung auf das folgende „Ich bin Klempner von Beruf“, wird es doch von Roman Öschlberger interpretiert – im Echtberuf Klempner. Haben sie einmal versucht, das Original von Reinhard Mey im Originaltempo nachzusingen? Nach der dritten Zeile fliegt das Amalgam in alle Richtungen davon. Roman – Blitzzunge – Öschlberger schafft das. Und zwar fehlerfrei. Sieben Schwarzbefrackte rasen hinterher. Need for speed? Just listen!

Pfiffe, Jubelrufe, Applaus – Pause.

 

Den zweiten Teil beginnt Blues Brother John Belushi alias Franz Pötzelsberger mit einer Version von „Everybody Needs Somebody“ - zum Niederknien. Auf den darauf folgenden, frenetischen, Applaus braucht das Ensemble erst einmal „Ein Krügerl, ein Glaserl“ ¬– eingeschenkt von Stimmlos Testimonial Helmut Qualtinger. Ein kurzer Abstecher nach Frankreich (Chanson d’amour), dann nochmal schnell zurück zu den Comedian Harmonists (Marie Marie) und weiter zur nächsten Gänsehaut-Nummer. Leise legt Paul Herbst das Mikrofon beiseite. Es wird ganz still. Mit „More Than Words“, im Original eine Ballade der Rockgruppe Extreme, greifen die acht Sänger noch einmal nach den Herzen des Publikums. Die bezaubernde Interpretation löst tiefe Seufzer aus. So klingt die Liebe.

 

Plötzlich wird die Videowand aktiv. Darf Erich Pötzelsberger wieder in See stechen? Erich Pötzelsberger darf – auf dem Rücken eines „Irish Tinker“, einem wirklich großen Hengst – in den Horizont reiten. Begleitet wird der Video-Pötzelsberger von Johnny Cash‘ „Ring of Fire“ mit Paul Herbst als Solisten aus dem dunklen Hintergrund. Die Nummer läuft noch, als Pferd und Pötzelsberger wieder auftauchen und in Zeitlupe entschwinden – Doc Holliday lässt grüßen. Der Saal bebt, vielen rinnen vor Lachen die Tränen aus den Augen. In der letzten Einstellung erleben die völlig aus dem Häuschen geratenen Zuschauer den untersetzten Cowboy am Baum lehnend, Ukulele spielend – ein paar Sekunden später steht er wieder im Rampenlicht, samt Ukulele und sieben Begleitern. Es folgt „Rum und Coca Cola“ - mit Ukulele.

 

Mit einem fulminanten „Schmidchen Schleicher“ setzen die Stimmlosen noch schnell einen Meilenstein und zugleich Schlusspunkt. Irgendwann muss einfach Ruhe sein.

Ach ja – hurtig drei Zugaben aus den schwarzen Ärmeln. Die Herren sind topfit. Das Publikum kann nicht mehr. Es war einfach zu viel von allem. Zu viel Entertainment, zu viel brillanter A-cappella-Gesang, zu viel Lachen, zu viel herrliche Moderation. Es geht nicht mehr. Acht Gigolos reiten in Richtung aufgehendem Rotwein…

(mw)











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