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27.01.18 - 16:32 Uhr

Wer ist auf der anderen Seite?


Das von Mitterer aus verschiedenen Hörspielen zusammengesetzte Stück „Besuchszeit“ entwickelte sich über die Jahre zum meistaufgeführten Stück des Schriftstellers. Anita Köchl und Doris Kirschhofer stellten sich unter der Regie von Hanspeter Horner der Herausforderung, drei der vier Szenen als Duo darzustellen, musikalische Begleitung inklusive.

 

Die Szenerien sind an und für sich nicht ungewöhnlich. Ein Besuch im Altersheim, eine Visite im Gefängnis und eine in der „Irrenanstalt“. Im Theater, aber vor allem im Fernsehen, bilden diese Konstellationen oft den Rahmen für Dialoge jedweder Art. Mitterer formte daraus aber eine Plattform zur Selbstreflexion und einen gesellschaftskritischen Zerrspiegel. Wenn die ins Altersheim abgeschobene Mutter (Köchl) von der Schwiegertochter (Kirschhofer) besucht wird, ist man nach wenigen Minuten nicht mehr sicher, wer von den beiden in seiner Welt weggesperrt und ohnmächtig ist. In der physischen Freiheit eingeschränkt ist offenkundig die Frau Mama, in der kritischen Analyse der Familiensituation ist sie der wortkargen und vom schlechten Gewissen geplagten Schwiegertochter jedoch um Längen voraus. Eine geniale Symbolik für diesen Zustand sind die Erdnüsse, die der Oma von der Schwiegertochter mitgebracht werden, als ob diese betonen müsste, dass sie diejenige VOR den Gittern ist. Dass die Mutter im Sprachgebrauch der eigenen Kinder zur Oma mutiert sobald die nächste Generation in der Welt ist, ist ein gelerntes Verfahren zur Degradierung des bisherigen Familienoberhauptes. Wenn deine eigenen Kinder Dich Oma nennen, ist Gefahr in Verzug.

 

Köchl spielt den Archetyp der Mutteroma dermaßen lebensecht, dass sich jeder im Publikum des ausverkauften Emailwerks im einen oder anderen Wortwechsel wiederfand. Die vielen Lacher, an besonders plakativen Statements von Oma, unterstrichen die realsatirischen Züge der Szenerie.

 

Kirschhofer schwankt in ihrer Rolle zwischen der Unannehmlichkeit einer lästigen Pflicht, schlechtem Gewissen ob der Verbannung der sturen Alten und der großen Bewunderung gegenüber einem Menschen, der trotz hohen Alters die Dinge viel klarer erkennt und benennt, als sie selbst und die anerkennen muss, dass Mutteroma selbst im Heim noch mehr Größe beweist, als sie selbst in ihrem armseligen Dasein in der freien Welt.

 

Dem großartigen Spiel von Köchl und Kirschhofer, als auch der feinfühligen Inszenierung von Horner ist es zu verdanken, dass sich die drei Szenen trotz ihrer hintergründigen Ähnlichkeit deutlich voneinander unterscheiden. Denn im Grunde spiegeln die Oma im Heim, die wegen Mordversuchs sitzende Ehefrau und der aus Geldgier von der eigenen Sippe in die Klapse eingewiesene Großbauer, die gleichen sozialen Unarten wieder. Wer nicht funktioniert, wird abgeschoben oder solange drangsaliert, bis er sich selbst „ins Aus“ schießt. Wer nicht passt, wird passend gemacht, durch psychischen Druck oder durch den Buchstaben des Gesetzes. Mit der Klarheit, mit der die Betroffenen ihre eigene Situation bewerten und das Verhalten der Verwandtschaft analysieren, zeigt Mitterer, dass es oftmals nicht um Fürsorge geht, sondern um Bequemlichkeit, nicht um Gerechtigkeit sondern um Verzweiflung, nicht um soziale Anerkennung sondern schlicht um Gier. Bleibt zu hoffen, dass der Weizen, den der „boshafte“ Altbauer auf der Autobahn gesät hat, die über seinen enteigneten Grund verläuft, einmal Früchte trägt.

 

Im höchst ergreifenden Spiel von Köchl und Kirschhofer begreift man schnell, dass Ohnmacht beiderseits des Gitters der bestimmende Antrieb ist. Selbst der Ehemann, der seine Frau durch Ignoranz, patriarchale Bevormundung und Unterdrückung so weit getrieben hat, dass sie sich körperlich gegen ihn zur Wehr setzt, erkennt im Laufe der Besuchszeit im Gefängnis, dass die Falsche in der Zelle sitzt. Ausgesprochen wird das nicht, aber das schlechte Gewissen des vermeintlichen „Opfers“ wird nahezu spürbar. Und Mitterers Botschaft wird an diesem Punkt klarer denn je: Wir alle kennen das beklemmende Gefühl, jemanden Unrecht getan zu haben. Dem eigenen Vorteil zuliebe. Das Licht geht an, die Besuchszeit ist vorüber – Dank an Mitterer und Horner für den Spiegel, Danke an Anita Köchl und Doris Kirschhofer für das großartige Spiel.

(mw)











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