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12.06.16 - 09:37 Uhr

Der Frauenversteher Karl geht ins Theater


Karl ist Frauenversteher. Nicht von Natur aus, nicht angeboren, sondern aus reiner taktischer Berechnung. Weil das ja immer gut ankommt bei den Frauen. Gerade bei Frauen, die ein bisschen mit dem Älterwerden hadern. Und darum liest er viel. Über Frauen versteht sich. Zum Beispiel liest er gerade das Buch „Mutprobe“ der ehemaligen Chefredakteurin der „taz“, Bascha Mika. Sie schreibt: „Spätestens ab 40 fangen die meisten Frauen an zu spüren, dass sie anders wahrgenommen werden. Dabei gibt es eigentlich nur einen Punkt, über den sie offen reden: Den Verschwindefluch. Wenn sie in einen Raum kommen, schauen immer weniger Männer – und Frauen! – sie an. Sie werden unsichtbar.“ Wertvolle Erkenntnisse, mit denen Karl gleich in einem Forum auf www.wallstreet-online.de glänzen kann, wo gerade zu Thema „Wieso werden Frauen ab 30 so schnell alt?“ diskutiert wird. Immer wieder geht‘s ums Älterwerden der Frauen und - das ist das Groteske - die Diskussionen werden vor allem von Frauen vom Zaun gebrochen. Warum? Nun, Frauen sind, das weiß man, härter gegen sich selbst, zweifeln eher an sich und geben diesen Zweifeln auch viel Raum. Aber all das ist für Karl nicht genug. Er will noch mehr wissen, er will hautnah erleben, wie sich das so anfühlt. Darum geht er heute ins Theater, genauer gesagt ins Emailwerk Seekirchen. Dort sind Donner & Doria, bzw. Silke Stein und Anja Clementi mit ihrem Programm „Frösche küssen de Luxe“ zu Gast. Das interessiert ihn sogar mehr als das EM-Spiel England gegen Russland.

 

Was Karl dort erleben darf, stellt alle seinen tief theoretischen Kenntnisse ins Out. Silke Stein und Anja Clementi beschreiben den Kampf gegen den körperlichen Verfall in einem mehr als fesselnden Singspiel. Es geht um Cellulitis, Pigmentflecken und Beckenbodenerweichung, um das täglich von der inneren Schweinehündin verschobenen Fitnesstraining. Der Titel „Cellulite City Blues“ spricht für sich selbst und der „Prokrastinations-Tango“ (Aufschieberitis-Tango) macht deutlich, womit Frau tagein tagaus so kämpft. Der sich verändernde Körper bietet viel gesprochenes und gesungenes Anschauungsmaterial: Haare, die plötzlich an den unmöglichsten Stellen wachsen, neue Körperteile, die eigentlich bislang im Busen verortet waren, Falten, denen man nur mit gezielten Beleuchtungsmaßnahmen zu Leibe rücken kann und letztlich eine schlüssige Erklärung, was die Menopause mit Krampfadern zu tun hat. An dieser Stelle des Programms, also kurz vor der Pause, beschließt Karl, das Programm unbedingt noch ein zweites Mal zu besuchen, er hat aufgrund des spritzigen Temperaments der beiden Hauptdarstellerinnen und der damit verbundenen Informationsgeschwindigkeit nicht alles mitgekriegt.

 

Nach der Pause erscheint Anja Clementi als Putzfrau Uschi. Diese nicht mundfaule Migrantin aus Köln in Glitzerleggins, Kopftuch und Kleiderschürze bringt nochmal eine ganz andere Facette des Frauenbildes ein. Sie hat ein fünfteiliges Musical über die verschiedenen Frauentypen geschrieben und bringt diese mit Nachdruck zu Gehör. Karl ist selig und schreibt eilig mit, so konkret hat er die Information gar nicht erwartet. Dieser Abend entpuppt sich für den Frauenversteher als Geschenk, ein schier unschätzbar wertvolles Potenzial für nur 16 Euro Eintrittspreis. Er ist zufrieden, auch wenn er den Beitrag „Ist mir egal, ich lass das jetzt so“ für etwas übertrieben hält. Wer glaubt denn so was!

 

Was Karl wahrscheinlich beim Studium des Inhalts entgeht: Die großartige Performance der beiden Darstellerinnen, das hohe musikalische Niveau, auf dem hier eine Menge Eigenkompositionen ganz selbstverständlich dargeboten werden, der großartige Wortwitz, mit dem die Schreiberin Silks Stein akribisch die Seele der Frauen seziert. Das Publikum hängt an den Lippen von Donna & Doria und singt streckenweise sogar mit. Aber alle (inklusive Karl), die jetzt nach zwei Stunden und donnernden Applausstürmen fröhlich und an Erkenntnissen reicher den Saal verlassen, haben nur einen Wunsch: Bitte mehr davon. Dass am Ende des wunderbaren Abends gerade die Russen in der 90. Minute den Ausgleich schießen, interessiert eigentlich jetzt niemanden mehr…..

(lf)











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