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03.09.16 - 13:19 Uhr

Viertakter mit Turbolader


Wer der Bedienung eines Schlagwerkes, gleich welcher Art, nicht oder nur im laienhaften Rahmen mächtig ist, erlebte beim Konzert von Via Nova so etwas wie die Öffnung eines Dimensions-Tores. So ähnlich muss sich ein Strichmännchen gefühlt haben, als es erstmals auf einen 3-dimensionalen Körper stieß. Ungläubiges Kopfschütteln.

 

Und dabei muss man den vier Künstlern von Via Nova noch zugutehalten, dass sie bemüht waren, den Übergang in ihre Welt für uns Strichmännchen einigermaßen nachvollziehbar zu gestalten. Das Konzert-Intro, bestehend aus drei Liedern aus dem Dreiländereck Bulgarien, Griechenland und Türkei, brandete in angenehm an- und abschwellenden Wellen in den Saal, trug fort in eine Gegend, die bereits arabische Züge in sich trägt und gleichzeitig mit melodischen Passagen umschmeichelt. Den Eindruck der Virtuosität vermitteln zu wollen, wäre völlig sinnlos. Ein Strichmännchen kann keine Kugel beschreiben.

 

Bereits im zweiten Stück, ein Tanz bulgarischer Herkunft aus dem Kulturkreis der Zigeuner, gewährten Georgi Varbanov, Rupert Struber, Alexander Kamenarov und Johannes Eder einen ersten Eindruck davon, wie in der Premier League der Percussionisten Improvisationen innerhalb eines Liedmusters gehandhabt werden. Freilich weiß das Strichmännchen nicht, was da jetzt Improvisation ist, was festgeschrieben und was vielleicht eine zärtliche Lesart. Die Perfektion, mit der sich die vier Musiker die Führungen übertragen, die überwältigende Stimmigkeit des Gesamtklanges, die Tempi und Taktwechsel, die allesamt den Nimbus des absolut Fehlerfreien tragen, all das bringt das Auditorium aus dem genussvollen Staunen nicht mehr heraus. Immer wieder bemerkt man, dass man gerade den Atem angehalten hat. Aber ein Strichmännchen erstickt nicht so leicht.

 

In dieser Gemütsart geht das Konzert weiter. Jedes Stück, von der Eigenkomposition mit Ursprung in einem serbischen Restaurant über einen Strandromantiker bis zum bulgarischen Hochzeitstanz, spiegelt dieses unverschämt hohe Maß an überhaupt allem wieder, was man einer Percussion-Formation so an Adjektiven anhängen kann.

 

Eine Besonderheit in einem Konzert voller Highlights war der Trommeltanz, bei dem sich Via Nova vier Tapan-Trommeln bemächtigte und daraus eine, herrührend von den früheren Ausrufern eines Ortes, geradezu orgiastische Komposition aus ineinander verwobenen und aufeinander folgenden Passagen maskuliner bis martialischer Art in das Publikum schmetterte. Stellenweise konnte man durchaus auf den Gedanken kommen, das Stück sei das instrumentale Gegenstück zum Haka der Maoris. Strichmännchen salutiert voller Ehrfurcht.

 

An den synchronen Wahnsinn grenzte das Stück „Musique De Table“ von Thierry de Mey bei der die Formation, auf einem Holzbrett mit darunterliegendem Klangkörper, akustische Variationen allein durch verschiedene Handhaltungen und Schlagpositionen erzeugt. Es müssen derer mindestens 20 verschiedene Ansätze gewesen sein, die in Sekundenbruchteilen gewechselt und untereinander koordiniert werden. Gefühlte 10 Minuten bewegten sich die Hände der Gruppe dabei in einem fast unmöglich erscheinenden Einklang. Die Szenerie erinnert an die unerklärbare Harmonie eines Sardinenschwarmes der sich mit jedem Reiz neu erfindet. Apropos unerklärbar. Die unvorhergesehene Landung von vier sehr verspielten Individuen außerirdischen Ursprungs ließ das Publikum beim nächsten Stück vergnügt mitgehen. Haben sie beim Tischtennis schon einmal zu viert ein „Laufertes“ gespielt? Das versuchen Sie mal mit einer Marimba und blödeln sie dabei noch herum. Strichmännchen ist fertig.

 

Aus dem offiziellen Programm verabschiedete sich Via Nova mit dem „Minoru Miki Marimba Spiritual“, einem der weltweit bekanntesten Percussion-Stücke, nicht ohne ihrem Mentor Peter Sadlo, einem der größten Percussionisten dieser Erde, der leider im Juli 2016 verstorben ist, die Ehre zu erweisen. Nun – die Ehre wurde erwiesen. Mit einer grandiosen Abschlussnummer und einem der unglaublichsten Percussion-Konzerte die dieses Haus in seiner Geschichte gesehen und gehört hat. Man kann einfach nur DANKE sagen…

(mw)

 

 











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