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30.11.05 - 11:28 Uhr

Claudia Bitter und Semier Insayif schrieben am Wallersee


Den Wallersee als inspirative Quelle neu zu entdecken, war die experimentelle Idee für dieses literarische Projekt. Der Kulturverein Kunstbox schrieb in Zusammenarbeit mit der LESELAMPE Salzburg ein Aufenthaltsstipendium aus, welches AutorInnen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum an den Wallersee einlud, um hier ungestört 3-6 Wochen die Inspiration der herbstlichen Seenlandschaft auf ihr literarisches Schaffen wirken zu lassen. Sozusagen in Fortführung und Weiterentwicklung der umfangreichen literarischen Geschichte des Wallersees, an dem unter anderem Ödon von Horvarth, Thomas Bernhard und Carl Zuckmayer bereits Inspiration für viele ihrer literarischen Werke fanden.

 

Die in Wien lebende Autorin Claudia Bitter und der aus Wien stammende Autor Semier Insayif wurden aus zahlreichen Einreichungen von der hochkarätigen Jury (Dr. Cornelius Hell, Literaturkritiker Wien, Univ.Prof.Dr.Karl Müller, Universität Salzburg, sowie Frau Barbara Neuwirth, Schriftstellerin) ausgewählt und verbrachten die letzten Wochen bei ungewöhnlich vielen sonnigen Herbsttagen direkt am Ufer des Wallersees. Die beiden Literaten wohnten im Haus der Salzburg AG direkt am See und genossen die Abgeschiedenheit und Stille des Herbstes um sich für ihre literarische Arbeit inspirieren zu lassen.

 

Die Salzburg AG hat ihr Seehaus in Form eines Kultursponsorings unentgeltlich für das Literaturprojekt zur Verfügung gestellt. Diese Unterstützung wird es ermöglichen, dem Projekt Nachhaltigkeit zu verleihen und das Stipendium jährlich auszuschreiben.

 

 

Claudia Bitter

geboren 1965 in Oberösterreich

lebt seit 1983 in Wien, Studium der Slawistik und Ethnologie

Autorin, Bibliothekarin, Übersetzerin für Russisch

 

Seit 1990 zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien, diverse Preise und Literaturstipendien

2001 erschien der Prosaband was man hier verloren hätte, Bibliothek der Provinz - Edition Linz

2005 erschien der Gedichtband stimme verliert sich, Edition Innsalz (mit Zeichnungen der Autorin)

 

wallertag

 

die sonne fiedelt vom himmel

ein gelber schauer erfüllt umhüllt mich

das schmelzgesicht wird weicher, breiter

der augenblick wird klarer, heller

der feiste himmel tönt ins blaue

der wind schleckt heimlich süßes

das wetter zart geschminkt an meiner hand

das weite land liegt mir zu herzen

das herz wallt auf und sagt: ja, ich will

 

 

landschaft stimmt

 

schritte in der landschaft – klaviertastentöne

ein wort hockt am hügel – verhält sich ruhig

figuren hängen an mir – singende kletten

frisch bezogen – der himmel über mir

frisch gestrichen – die sonne auf mir

ein wolkenriss – heilt heute noch

heimlich lauschen – landschaft spricht

geigenbogentöne wo der weg sich windet

der see flüstert – ein graskuss

schilfumarmt das ufer

muschelgeborgen der stein

waldberauscht der hang

windgestreichelt die wiese

jedes wort jeder grashalm zählt

im orchester der wetterfesten welt

die landschaft singt und stimmt

meine worttöne - schlagen wurzeln in ihr

 

 

 

Semier Insayif

geboren 1965 in Wien, lebt ebendort als freier Schriftsteller, Kunst- und Kulturmanager, Leitung von Schreibwerkstätten, kunstübergreifende Projekte mit MusikerInnen und bildenden KünstlerInnen, Kommunikations- und Verhaltenstrainer, systemischer Coach, Supervisor, Mediator, Fitnesstrainer/berater, im Organisationsteam für LITERATniktechTURÒ und dem Siemens Literaturpreis, Mitherausgeber der Anthologie „.txtour“; Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Kunstkatalogen, Anthologien, Hör- und Rundfunk, bisher erschienen:

„69 konkrete annäherungsversuche“, (+ cd), Edition Doppelpunkt, Wien 1998,

„über gänge verkörpert“, Haymon verlag, Innsbruck 2001,

„libellen tänze – blau pfeil platt bauch vier fleck“, (+ cd), Haymon verlag, Innsbruck 2004

 

 

wassergarten

ufer rufe stufenweise

 

ein bach. ein fluss. ein teich. ein see. wo meer? da quellt das rinnsal in sein bett. tröpfelt. tropft und sprüht. strömt und steht und tost. umspülend seinen durst nach mehr. wo salz das süße plätschern schäumt. entstehen ufer. kronenknospen springen auf und stranden. zungen hinterher. ohren greifen nach dem boden. haftung auf gegeben. erdreich auf gerissen. lehm gelähmt und sand getrocknet. greift ein nassfeld still um sich. und nährt was feuchtes in sich trägt. und tränkt was trocken in sich schweigt. wasser rosen blättern ihre blüten auf und zu. gelassen schwebend. in den wassergassen. himmelszugewand. algen nagen an sich selbst. herabgerutscht in tiefe lagen reichend. moor. (so more). im schwarz. im braun. im dunkelfeld. verspiegelt sich der see zum augenschlag. zum wimpernspiel. vom himmel abgewiesen. weisen himmelsspiegel. von unten aufwärts. züngelnd. verflechtet sich die oberfläche mit der tiefe. was tiefe sieht verkennt die oberfläche. tragend. enten. boote. körper. ziehen schneisen. in die glätte. an die kette. so genommen. an die oberflächenhaut genäht. und nah. befestigt. nur ja nicht abwärts. gegen unterhalb geschoben. entenfüße. wallern auf. in wellenkreisen. tauchen ab. und auf. und ab und zu. wohl auf getaucht. ab und zu. opal die moorhaut.

schlamm. wo heilend. gleichsam heillos. unheil spendend. trost. im tränenwasser. aufgehoben. schilf. wie schiff. nie fischgerecht. entsagt dem kräuseln. entsagt dem wünschen. hingeschifft wie totgesagt und aufgewacht. reisen züge lang entlang am schwarzen auge. zügeln sich im tempo keineswegs. im kopf. nur ja nicht abwärts. reisen. kreisen vögel. schlagen schneisen in die luft. am see. bedecken wasser. luft. und luft das wasser. aneinander. angepasst. uferrufe. ufern aus. angepisst und eingelaufen. rufen ganz zum trotz. herüber. quer von jeder richtung. locken alle farben in den schlund. stürzen in den nachtblick. flatternd aufzufliegen. nur ja nicht abwärts. ins pupillen schwarz. verjagt der see. sich selbst. in seine seele springend. in aller ruhe. ausgebreitet. sein verlangen. zeitlos. bietet er sich selbst und mir die mitte

 

 

 

 











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