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08.10.06 - 15:40 Uhr

Gebrauchsanweisung


Langsam füllte sich der Saal des EmailWerks - und ich bekam mehr und mehr das Gefühl, hier als einer der wenigen männlichen Besucher im falschen Theater zu sein - doch das änderte sich rasch. Denn außer dem Umstand, dass es bei dem Ein-Frau-Stück naturgemäß auch nur eine Frau spielt, männliche Mitspieler musste man nicht vermissen. Sie waren immer präsent, ob in der Figur des Krippenspiel-Herbergs-buchenden Sohnes Brian, des griechischen Frauenverstehers Costas, der Shirleys Schwangerschaftsstreifen als Zeugnisse des Lebens verehrt und küsst, oder des unseligen Ehemannes Joe Bradshaw...

 

Frenetischen Applaus erntete das komödiantische Talent der Darstellerin Anita Köchl. Satz für Satz und Geste für Geste entwickelte sie nach und nach sehr plastisch und nachvollziehbar die Psychologie einer Frau, die mit viel Humor eine ernüchternde Bilanz ihres Lebens zieht und dabei nicht resigniert. Die Leistung, das Publikum nicht eine Sekunde in einer Spielzeit von mehr als eineinhalb Stunden zu verlieren, gelingt nur ganz großen Talenten. Anita Köchl ist eines, das hat sie an diesem Abend eindrucksvoll bewiesen.

 

"Wenn die Kinder aus dem Haus sind, verlasse ich ihn", hat Shirley oft gedacht; doch immer noch tut sie, was ihr Mann will, tischt ihm pünktlich sein Essen auf, wenn er den Fuß über die Schwelle setzt.

 

Was nur ist aus der sonst so mutigen und fröhlichen Shirley Valentine geworden, grübelt sie Tag für Tag in ihrer sauber geordneten Küche. Sie zieht Bilanz über eine Vergangenheit voller Demütigungen und Standhaftigkeiten, voller stolzer Gefühle und enttäuschenden Momente, und fragt sich am Ende: "Warum hat man dieses Leben, wenn man keinen Gebrauch davon macht?" Erinnerungen an Begleiter ihrer Jugend wie der Edelnutte mit Sprecherziehung Marjorie Majors sind Gegenstand ihrer Gespräche, die sie mit ihrer Küchenwand führt.

 

Es kommt, wie es kommen muss: Eines Tages hat sie die Nase voll von Joe, der ihr ständig versichert, sie zu lieben und das für die Rechtfertigung hält, sie schlecht zu behandeln, sowie von einer nur Forderungen stellenden Tochter und entschließt sich zu einer zweiwöchigen Reise mit ihrer feministischen Freundin Jane nach Griechenland. Dort, auf der Suche nach der alten Shirley Valentine, erlebt sie echte Wechsel-Jahre und entschließt sich, nicht mehr nach Hause zurückzukehren.

 

Eine erfrischende Komödie von dem erstaunlich einfühlsamen Autor Willy Russel, der anscheinend als Damenfrisör tiefe Einblicke in die Psyche der Frau erhielt.

 

Bleibt noch zu bemerken, dass ich am Ende still in dem sich leerenden Saal saß und dachte: Warum waren bloß so wenig Männer da - das war alles andere als ein rein feministisches Stück. Vielleicht ist es ja gar kein Theaterstück. Vielleicht ist es ein Monolog, in dem sich mancher wieder erkennt, der über verpasste Gelegenheiten, vertane Chancen sinniert und gerne grübelt, was er alles hätte anders machen wollen...

(mw)

 

 

 

 

 

 

 











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