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20.03.07 - 09:20 Uhr

Jahreswende für Exilanten


Mit der Aufführung des Stückes „Emigranten“ betrachtete der Kulturverein Kunstbox sein Jahresthema Aufbruch einmal von der anderen Seite. Aus den Augen jener, die gezwungen sind aufzubrechen. Jener, die alles tun würden, um nicht aufbrechen zu müssen. Jener, die aufgebrochen sind, in der Hoffnung so bald wie möglich zurückkehren zu dürfen.

 

Es ist kurz vor Silvester in einem feuchten Keller direkt unter einer Diskothek. Die Mieter im Kellerloch erinnern in den ersten Minuten an Lemmon und Matthau in den „Ein verrücktes Paar“-Filmen. Die gegensätzlichen Charaktere, die einander nicht ganz freiwillig brauchen, waren ja schon oft Gegenstand von Drehbüchern für Film und Theater.

 

Bei „Emigranten“ ist es scheinbar ebenso. Der Pole (Jurek Milewski) und der Russe (Jurij Diez) liegen sich ständig in den Haaren, weil sie ihren tristen Alltag völlig unterschiedlich gestalten. Erst nach und nach wird klar, dass sich die beiden sehr viel näher stehen, als sie jemals zugeben würden. Keiner könnte sein trauriges Schicksal auch nur einen Tag ohne den andern ertragen.

 

Während der Pole als Wirtschaftsflüchtling sozusagen die immigrierte Oberschicht verkörpert, gehört der Russe zur breiten Masse der Geldheimschicker. Allein dieser Umstand sorgt für manch emotionale und auch erheiternde Szene. Der eine verbringt seinen Tag mit Lesen und süffisanten Bemerkungen über seinen proletarischen Kellergenossen, der andere ist Baustellenschwerarbeiter und wandelt als fleischgewordenes Gastarbeiterklischee in spitzen Stiefeletten durch die Gegend. Zieht man in Betracht, dass Milewski und Diez dieses Stück nicht in ihren Muttersprachen spielen, ist die schauspielerische Leistung der beiden nicht hoch genug einzuschätzen. Das Publikum, das sich zu Beginn noch über das wundervolle Bühnenbild aus Abwasserrohren und ein herrlich monotones Tropfgeräusch amüsierte, versinkt mehr und mehr in der tragisch komischen Geschichte der beiden entwurzelten Helden. Wider Erwarten spielt das Thema Ausländerfeindlichkeit immer nur eine indirekte, untergeordnete Rolle und so läuft das Stück, auch dank der beiden Schauspieler, nie Gefahr, zu einer polemischen Abhandlung von „Ausländerthemen“ zu verkommen, wie wir sie aus Zeitungsberichten kennen.

 

Stellenweise bekommt „Emigranten“ sogar eine stilsichere Erzählform, wie sie der bulgarische Autor Dimitre Dinev in seinem Roman „Engelszungen“ zur Blüte gebracht hat und die die Protagonisten oftmals mit der sensiblen Aura einer prosaischen Erzählung umgibt.

 

Die unerwartete Abwesenheit von Seitenhieben auf uns „Alteingesessene“ lädt dazu ein, das Stück entspannt und ohne schlechtes Gewissen zu genießen – hier zeigt sich vielleicht der einzige Schwachpunkt von „Emigranten“. Es stellt sich einfach die Frage, ob wir diese Noblesse verdient haben. Es gibt bei uns, neben den bekennenden Fremdenhassern, genug kleine, arrogante Scheißer, die nicht einmal genug Rückgrat haben, um geradlinig ausländerfeindlich zu sein, aber jedem „Polacken“ ins Gesicht spucken würden, fühlten sie sich sicher.

(mw)











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