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26.04.08 - 19:26 Uhr

Aus dem Paradies geschossen


Eines macht das Stück „Der Traum eines lächerlichen Menschen“ ganz besonders fesselnd. Mit jeder gespielten Minute schält sich ein Bild aus der Handlung, an das man Anfangs nicht dachte. Ob von Dostojewskij so gewollt, bleibt offen. Ein fabelhafter Reinhold Tritscher auf der Bühne im Emailwerk ließ es so geschehen.

 

Bühnenmonologe sind immer etwas ganz Besonderes. Sie verlangen vom Künstler als auch vom Publikum hohe Konzentration, sich selbst und das Gegenüber bei der Stange zu halten wird zum Grenzgang. Reinhold Tritscher ging diesen Grat über eine Stunde, fesselte mit einer großartigen Leistung und einer Geschichte, die plötzlich eine ganz andere wurde.

Dem lächerlichen Menschen im Stück geht es im Grund wie vielen. Er fühlt sich gedemütigt, unverstanden, hat Angst. Er gehört dennoch der Minderheit jener an, die keinen anderen Ausweg mehr sehen, als den echten Aus-Weg und greift zur Waffe. Das kleine Mädchen, über dessen Erscheinen er vom Mitleid gepackt wird, gibt seinem letzten Vorhaben noch einen Aufschub. Oder doch nicht? Schläft er ein oder fällt der letzte Vorhang in diesem Moment? Schießt er…?

…und landet im Paradies? Was für ein Zustand. Alle sind unbeschwert, keine Lüge, kein Hass, nichts woran es sich irgendwie zu reiben lohnt. Aber der Lächerliche arbeitet daran. Er will den Paradiesbewohnern helfen, sich weiter zu entwickeln, zu lernen, sich zu interessieren. Wie ein Virus verbreitet er die Saat des Zweifels und der Neugier.

 

Als er bemerkt, was er angerichtet hat, ist es längst zu spät. Aus dem Garten Eden ist derselbe Ort geworden, als jener, aus dem er sich ursprünglich hinausgeschossen hat. Aus der Verzweiflung seiner großen Schuld heraus, versucht er, die Menschen zur Umkehr zu bewegen, wird zum Prediger, zum Messias, er wird zu Jesus. Oder war er der schon vorher? Hat sich Jesus bereits im letzten Paradies entleibt, in der Hoffnung, im nächsten wird alles besser? Reine Verzweiflungstat, futsch mit dem göttlichen? Auch jetzt, im neuen Paradies, läuft alles wieder auf dasselbe hinaus. Wieder gibt er freiwillig sein Leben aus der Hand, weil er das Paradies mit gutem Willen verseucht hat und dann zusehen muss, wie es durch seine große Schuld zu einer realen Welt wird. Was kommt, wenn er sich auch aus diesem wegmeuchelt? Wieder das Gleiche? Wie viele Paradiese hat er bereits zerstört hinter sich gelassen? Wie viele wird er noch zugrunde richten? Wie lange und wie viele Paradiese wird der Lächerliche noch brauchen, bis er begreift, dass Mensch und Paradies zwei sich ausschließende Zustände sind.

 

Wir Menschen leben von der Relativität. Wir erkennen keine Zustände und Befindlichkeiten durch sich selbst, sondern nur durch die Möglichkeit des Vergleichs. Liebe hätte ohne Hass für uns ebenso wenig Bedeutung, wie Gesundheit ohne Krankheit. Den paradisischen Zustand des absoluten Glücks, kann es für uns nicht geben, weil Glück mit Unglück verbunden sein muss damit wir es als solches erleben - und schon ist wieder Essig mit Elysium. Dass Paradiesbewohner keine Menschen sind, keine Menschen sein können, lässt ein ergreifender Reinhold Tritscher das Publikum mit einem kleinen Schlüsselsatz wissen: Sie haben keine Wünsche.

Damit ist alles gesagt.

(mw)

 











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