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08.12.08 - 12:51 Uhr

Morgensternkunde abends


Dem Morgenstern auf seiner literarischen Bahn links neben der Milchstraße zu folgen, ist an sich schon ein hehres Ziel. Sein Einfallsreichtum, allein im Gebrauch der Worte Vielfalt, ist bereits kometenhaft. Beim Zusammen- oder besser Entstellen der Reihenfolge, in welcher diese dann (Un)sinn ergeben, entledigt er sich aber jeder Regel Schwerkraft. Heinz Erhardt muss den Morgenstern geliebt haben. Dies war aber noch der kleinere Graben, den es für das hörige Publikum zu überwinden galt. Beim Übersetzen ans ausseerische Ufer wurden die Satzkonstruktionen zwar ein wenig geradliniger, aber eben auch etwas ausseerischer, was nur bedingt zum besseren Verständnis beitrug. Der Abend bewies, dass man sehr wohl lachen kann und darf, ohne alles bis ins Detail verstehen zu müssen.

 

Mit einer Lesung aus „Zweiundzwanzig Galgenlieder“ von Christian Morgenstern eröffneten sich die Buchtage 2008 im Emailwerk. Das gesprochene Originalwort, wiedergegeben von Paul Herbst, ward die Grundlage für die Übersetzung durch den Bad Ausseer Peter Rastl in ebendiesen Dialekt, virtuos rezitiert von dessen Cousin Hermann (Cousin vom Peter, nicht vom Dialekt).

 

„Der Lattenzaun“, wahrscheinlich das bekannteste Gedicht aus den Galgenliedern, war für das versammelte Publikum (bis auf wenige Ausnahmen allesamt keine Native-Speaker, das Ausseerische betreffend) noch die geringste linguistische Herausforderung des Abends.

 

Herbst und Rastl legten die Latte, sowohl was die Originalfassung als auch die Übertragung bedarf, gedichtweise immer höher. Sodann beide sich eins waren, die Sprachzentren der versammelten Zuhörerhirne wären kurz vor dem Kollaps, ließen sie Gnade walten und die Musiker ihres Amtes. Das Duo der Gruppe „Rauhnacht“ bespielte die heißgelaufenen Köpfe mit einer kühlenden Mischung aus Ausseer Folk und nationalen Spezialitäten ferner Länder. So konditioniert ging es wieder zurück auf den Morgenstern und einen Dialekt, der stellenweise jegliche Ähnlichkeit mit indogermanischen Sprachwurzeln missen ließ. Woher kommen diese Ausseer eigentlich?

 

An manchen Momenten stand das Auditorium unter Verdacht, sich durch kollektives Lachen zu erleichtern, weil die Sprachmelodie der Vortragenden auf eine gerade gefallene Pointe hindeutete - weniger weil man sie verstanden hatte. Wen wundert’s, an diesem 5. Dezember im Emailwerk wurde eines so deutlich wie noch nie zuvor: zwischen „hören“ und „verstehen“ liegen Morgensterne und Aussee.

(mw)

 











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