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08.02.09 - 12:23 Uhr

Der Schritt Unglück


Elling – der norwegische Theater-Überraschungserfolg im Emailwerk in Seekirchen. Die Hauptrollen: ein im Stück beinahe liebevoll-labiler Alexander Kratzer als Elling und ein entzückend-einfältiger Edi Jäger als Kjel Bjarne.

 

Die Bühnenversion zeichnet zwei nahezu streichelweiche Charaktere, die sich gemeinsam durch die neu erworbene Freiheit wurschteln. Die fast unauslotbaren Abgründe und die damit verbundenen, oftmals erdrückenden, Probleme für psychisch kranke Menschen bleiben etwas im Hintergrund. Diese Nähe zum „normalen Menschen“ erlaubt es dem Publikum aber auch besser mitzufühlen, weil alles etwas vorstellbarer bleibt. So gesehen hat „Elling“ zweifellos pädagogischen Wert, weil Autor und Schauspieler mit sanftem Humor und viel Bewegung das Publikum nicht verschrecken, sondern zum Verstehen einladen.

 

Elling, der 33 Jahre bis zu deren Tod bei seiner Mutter lebte, macht den Eindruck es etwas schwerer zu haben als sein Wohnungsgenosse Kjel Bjarne. Er ist sich seinen Problemen und Schwächen viel mehr bewusst als sein unbeschwerterer Mitbewohner. Die Angst „entdeckt“ und zurückgewiesen zu werden sitzt tief. Elling tut, was alle in dieser Situation tun: Ein paar Lügengeschichten für das Selbstwertgefühl, das Einnehmen der dominanten Rolle gegenüber dem scheinbar noch schwächeren Kjel Bjarne, Mantel und Sonnenbrille als Schutz...

 

Kjel Bjarne ist zwar etwas unsicher, beginnt aber zu entdecken. Seine Einfalt ist nicht hinderlich, im Gegenteil, er kommt nicht auf den Gedanken sich zu blamieren oder etwas falsch zu machen und hat damit einen Riesenvorteil gegenüber Elling, zumal der auch noch auf ihn aufpasst. Verständlicherweise ist der Dorn, noch nie „gefickt“ zu haben, ein sehr stechender. Aber auch hier denkt Handwerker Kjel Bjarne praktisch. Erst kommt der Telefonsex, dann, wenn auch per Zufall, hält er das Ziel in Form der Nachbarin Reidung Nordsletten (gespielt von Anita Köchl) wortwörtlich in Händen. Hier stellt sich die Frage warum Kjel Bjarne als therapiebedürftig dargestellt wird und seine Eroberung nicht. Die beiden passen gut zusammen. Um das turtelige Treiben nicht gar so hautnah miterleben zu müssen, seilt sich Elling oft ab und versorgt Oslo mit seinen selbstgeschriebenen Gedichten, anonym versteht sich. Als eines seiner Werke sogar in der Zeitung abgedruckt wird, bereut er sicher, dass als Verfasser nur ein unverfängliches „E.“ angegeben werden kann.

Jäger, Kratzer, John Kutil, als Sozialarbeiter Frank Åsli, der die beiden betreut, und Köchl spielen die berührende Geschichte mit viel Herz und sehr detailreich. Sie behandeln die dargestellten Figuren nicht so sehr als Rolle, die überzeichnet werden will um richtig anzukommen, sondern haben „Elling“ mehr im Sinn von Ingvar Ambjørnsens (der Schöpfer der Elling-Romane) als Milieustudie verstanden, die von Axel Helstenius für die Bühnenfassung etwas entschärft wurde, ohne aber steril zu werden.

 

Einmal mehr zeigt sich auch, wie willkürlich und wenig nachvollziehbar die Einteilung zwischen gesund und krank ist. In den USA, wo es zum guten Ton gehört regelmäßig seinen Therapeuten zu besuchen, wird man deswegen keinesfalls als psychisch krank eingestuft. Bei uns ist das sehr viel anders. Wie viele Menschen wurden zeitlebens als gesund angesehen, nur weil sie nie in Behandlung waren und nehmen sich „plötzlich“ das Leben? Noch immer hält sich die Einteilung in „exzentrische“ Vermögende und Schwachsinnige ohne Geld. Männer, die zwanghaft unter jeden Rock kriechen, werden gekonnt „Womanizer“ genannt. Selbst Menschen die ihre Existenz und ihr ganzes Herz in den brotlosen Dienst einer guten Sache stellen (Sozialarbeiter, Entwicklungshelfer ect.), werden manchmal als verschroben und realitätsfern abgestempelt. Der Schritt Unglück liegt nur zu oft allein in der Akzeptanz durch die Gemeinschaft und unterliegt somit den gerade aktuellen Vorurteilen und Wertgefügen.

(mw)

 











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