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12.09.09 - 11:38 Uhr

Das Hindernis als Kunstmotiv.


Sechs Menschen kauern am Boden, den Rücken an eine graue Wand gelehnt.

Am anderen Ende des Raumes: Publikum. Eine Tribüne im Dunklen mit erwartungsvollen Mienen. Das erste Gegenüber löst sich von der Wand, läuft los, beschleunigt, kehrt vor der Tribüne in einem Stop um und läuft zurück zur grauen Wand.

 

So begann gestern eine faszinierende und energetische Vorstellung im Rahmen einer Kunstform, die eigentlich keine ist. Oder doch? David Belle begründete sie in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts eigentlich als Sportart, nach dem Selbstverständnis vieler Anhänger ist sie heute aber eine Kunst, bei welcher der Teilnehmer, der Traceur (französisch: „der den Weg ebnet“ oder „der eine Spur legt“), unter Überwindung sämtlicher Hindernisse einen geraden Weg von A zum selbst gewählten Ziel B nimmt. Das angestrebte Ideal des Traceurs ist es, durch nichts – außer der eigenen Kreativität – in der Bewegung eingeschränkt zu sein.

 

Dem Choreografen Àkos Hargitay faszinierte vor allem der philosophische Aspekt, die durch Körper und Umwelt gesetzten Grenzen zu erkennen und zu überwinden, und die fließenden Übergänge zwischen neu entstehenden Sportformen, Performance und Musikformen auszuloten.

 

Darum entwickelte er "Freerunning & Bodyparkour“ und eroberte in einem dreitägigen Entdeckungsprozess das Emailwerk Seekirchen. Das ist ein wesentlicher Aspekt dieser Kunstform, denn Parkour ist auch eine Zurückeroberung des urbanen Raumes in Zeiten seiner zunehmenden Besetzung für private und vor allem kommerzielle Zwecke.

 

Die knapp 45 Minuten der Vorstellung waren geprägt von einer Energie, die das ganze Haus füllte. Die sechs TänzerInnen (Traceure, Performer,Künstler?) fegten durch den Saal in atemberaubender Geschwindigkeit, nutzen jedes sich bietende Hindernis, um mit den Parkour-typischen Figuren darüber zu fliegen, sich von Wänden in schwindelnder Sprunghöhe abzustoßen und erneut Anlauf zu nehmen für das nächste Hindernis, um von dort mit einem gezielten "Saut de précision" am definierten Zielpunkt zu landen.

 

Jeder Zentimeter des Theatersaal wurde mit Bewegungen durchmessen, Türen und Schränke bespielt, zuletzt wurde noch ein Stangengerüst errichtet, sozusagen die Sandkiste des Traceurs, auf der noch unzählige akrobatische Bewegungsabläufe gezeigt wurden - obwohl das Wort akrobatisch vielleicht zu sehr nur den körperlichen Akt bezeichnet und das in diesem Fall zu wenig weit greift.

 

Doch es gab noch eine Ebene, die entscheidend zur Atmosphäre und Dramaturgie des Stückes beitrug: die Musik. Philip Leitner komponiert in Echtzeit aus den Tönen und Geräuschen, die während der Performance entstehen, eine Sinfonie aus Klängen, die wie ein Soundtrack die Szenen begleiten, manchmal sogar initiieren. Da wird das Gerüst zu einem Instrument, jedes Streicheln des verzinkten Stahls, jeder Hammerschlag beim Zusammenbauen werden zu einer eigenen neuen Klangerfahrung.

 

Ein ganz besonderer Abend, außergewöhnliche Performance, bewundernswerte Akteure.

(lf)

 

 











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