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10.11.09 - 15:38 Uhr

… nicht einmal Fragen …


Der mechanische Biertrinker „Prosst“ ist eines der prämiieren Projekte im Rahmen von „Podium 09“: eine scheinbar humorvoll-launige Karikatur, die in Wirklichkeit Abgründe auftut.

Von Heidemarie Klabacher (Drehpunkt Kultur)

 

08/11/09 Stammtische - das sind jene Orte, wo man immer schon gewusst hat, wie „die da oben“ alles anders und besser und überhaupt hätten machen sollen. Ein starker Mann müsste halt her. Prost.

 

Darauf trinken wir - unter heiterem Klacken kreuzweis’ aneinander gestoßener Bierkrüge. Kann sein, dass man da und dort nach dem Anstoßen mit dem Krug noch einmal männlich vor sich auf den Tisch haut. Damit ist zusätzlich sichergestellt, dass die guten Wünsche - „G’sundheit“ - nicht versehentlich auch zufällig anwesenden Juden zu Gute kommen.

 

„Zuprosten, Glas abstellen, trinken - das ist ein Ritual, das tagtäglich unhinterfragt zelebriert wird“, sagen Verena und Leo Fellinger vom Kulturverein Kunstbox Seekirchen. Und das hat den ebenso ambitionierten wie scharf denkenden Veranstaltern zu denken gegeben: Die „Kunstbox“ hat das Künstlerkollektiv „Kreisverkehr“ aus Oberndorf beauftragt, sich mit der NS-Vergangenheit im Raum Wallersee auseinanderzusetzen und zu diesem Thema „eine künstlerische Intervention für den öffentlichen Raum“ zu schaffen.

 

Über die NS-Zeit werde rund um den Wallersee noch immer ein Mantel des Schweigens gebreitet, sagt Leo Fellinger. „Die Verlockung zur Verdrängung ist nach wie vor groß. Dabei ist das Thema brandgefährlich heute.“

 

Tatsächlich waren bei der Präsentation am Sonntag (8.11.) Vormittag kaum Seekirchner anwesend, „außer solchen, die ohnehin zum Dunstkreis der Kunstbox gehören“, wie Leo Fellinger mit Blick in den Saal betonte. „Das Schlimmste sind nicht einmal die Vorkommnisse seinerzeit rund um den Wallersee - oder dass bis Heute nichts aufgearbeitet ist“, sagte Leo Fellinger. „Das schlimmste ist: Es gibt nicht einmal Fragen.“

 

Das Ergebnis wurde heute Sonntag (8.11.) im Kulturhaus Emailwerk in Seekirchen präsentiert. Die kinetische Skulptur „Prosst!“ zeigt einen stilisierten Biertrinker. Am runden Tisch, auf den der machtvoll ausgestreckte Trinkerarm seinen Krug aufklacken lässt, kann gerne auch ein menschlicher Mittrinker Platz nehmen: nicht nur in Seekirchen. Denn Leo Fellinger will die Skulptur auf Tournee schicken, sei es rund um den Wallersee oder sonst wo hin: „Wo immer jemand ein Projekt oder eine Intervention zum Thema NS-Zeit plant - wir stellen 'Prosst!' zur Verfügung.“

 

Die genial simple Idee von Jakob Maria Buchner und Thomas Stadler hat auch die Verantwortlichen und die Jury vom Kunstprojekt „Podium 09“ überzeugt. Dabei steht dieser - bei aller arm-ausstreckenden Zackigkeit noch immer gemütvolle - „Biertrinker“ über „Podium 09“ hinaus schon längst in seinem weiteren Kontext: Aus dem Bewusstsein heraus, „dass und langsam alle noch lebenden Zeitzeugen verloren gehen“, haben sich Kulturinitiativen rund um den Wallersee zusammengeschlossen. Wenn die verdrängte Vergangenheit schon nicht „aufzuarbeiten“ ist, soll sie wenigstens zum Thema werden, sagt Leo Fellinger. (dpk-klaba)

 

Den Originalbeitrag finden Sie unter: www.drehpunktkultur.at/txt09-11/6441.htm

 











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