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18.01.10 - 10:04 Uhr

Übung macht das Feuer


Am 14. und 15. Jänner hat das Emailwerk wieder einmal gebrüllt. Und wieder einmal waren es Anita Köchl und Edi Jäger, die mit der furiosen Inszenierung eines Klassikers die Reihen zum Beben brachten.

„Der Letzte der Feurigen Liebhaber“, eine Broadwaykomödie von Neil Simon aus dem Jahr 1967, ist ein Stück nach Maß für das Schauspielerduo.

 

Wäre er wirklich der Letzte der feurigen Liebhaber gewesen, seine Gattung wäre noch am gleichen Tag ausgestorben.

Denn Barney Silberman, der Klemmi mit Ehering, hat vieles: Paranoia, Komplexe, Schweißausbrüche, aber ganz gewiss kein Feuer. Zumindest nicht beim Rendezvous mit seinem ersten Aufriss Elaine. Seine Unbeholfenheit ist beinahe pathologisch, seine Angst vor Mama ebenso. Er ist völlig überfordert. Auffällig – das schlechte Gewissen gegenüber seiner Frau ist dagegen kein Thema für ihn. Elaine macht es ihm aber auch nicht leicht. Die one-night-stand-erprobte Seitensprungveteranin ist keine Romantikerin. Während er angesichts ihrer übermächtigen Libido immer mehr in sich zusammensinkt, säuft sie sich die Minuten weg und wartet mehr oder weniger breitbeinig, bis Barney endlich anzugreifen gedenkt. Vergeblich.

Soviel Sexualität begräbt Barney's zärtliche Triebe unter sich und macht seiner wenigen Courage den Garaus.

 

Seine anschließende, weinerliche Retrospektive von seinem faden Leben erfüllt das zuvor noch tobende Publikum für Momente mit Verständnis und Elaine mit ein wenig Mitleid. Aber sonst füllt und erfüllt sich nichts mehr – schon gar nicht Elains Erwartungen, die gänzlich unberührt wieder abzieht.

 

Anita Köchl spielt die elegante, zynische und zumindest in sexueller Hinsicht sehr zielorientierte Figur der Elaine so passgenau, dass einem Edi Jäger alias Barney in seiner Hilflosigkeit wirklich leid tun kann. Natürlich findet man sich als Zuschauer permanent in den Situationen wieder, aber durch die pointierte Überzeichnung der Charaktere durch die beiden großartigen Darsteller, kommt man mit sich auch immer wieder ins Reine. So schlimm war es bei mir ja dann doch nicht, denken Mann und Frau erleichtert.

 

Auch der zweite Durchgang, in dem Barney auf Bobby trifft, eine Mischung aus Naivität und Kindergartenabschluss zerrt beim Publikum heftigst an den Lachmuskeln. Die greifbare Dummheit von Bobby und ihre blondierten Stereotype bringen Barney bei weitem nicht so aus der Fassung wie zuvor Elaine, aber auch sonst nicht weiter. Im Verlauf des Dates treibt eine losgelassene Anita Köchl ihren Partner in den kleinen Raum zwischen väterlicher Fürsorge und steigender Gier. Er wird mutiger. Eine der besten Szenen ist wohl die Auswirkung des ersten Joints, zu dem Bobby Barney’s Männlichkeit herausfordert. Jägers überschäumende Mimik, der zwerchfellzersetzende Einsatz der Stimme - die Tränen spritzen in alle Richtungen.

 

Jeanette bildet die letzte Ecke im weiblichen Dreieck. Sie ist verbittert, „glücklich“ verheiratet und wartet sehnsüchtig auf den Mann, der endlich die richtigen Knöpfe bei ihr findet. Sie würde morden für ein Stück echte Leidenschaft, aber ihre Weiblichkeit erstickt unter den Trümmern von Ehe- und Gesellschaftsregeln. Barney blüht auf. Ihre mauerblümchenhafte Zurückhaltung reißt alle seine Hemmungen nieder. Panzer Barney will auf geweihten Boden vorstoßen. Schnell...

 

Auf welchem Niveau Köchl die drei Figuren spielt, mit allen Details in Bewegung, Sprache und Ausdruck ist überwältigend. Sie überzeichnet die Charaktere so „echt“, dass man als Zuschauer keinem Moment in Versuchung kommt, über deren Echtheit nachzudenken. Zudem ist man ja mit Lachen beschäftigt. Jäger versteht es indes meisterhaft, seine Figur wachsen und reifen zu lassen und spielt dabei sein schauspielerisch-komödiantisches Talent gnadenlos aus. Vom verklemmten Muttersöhnchen zum typischen, mit Selbstüberschätzung beladenen Mann, der sich selbst für den einzig echten Liebhaber hält. Vielleicht meinte Neil Simon das mit dem „letzten“ Liebhaber doch etwas anders...

(mw)

 











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