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27.06.11 - 14:00 Uhr

Auf der Suche nach anderen Wirklichkeiten. Ein Reisebericht.


In ihren stärksten Momenten nimmt die Kunst den Betrachter mit auf eine imaginäre Reise und macht – für kurze Zeit – einen anderen Menschen aus ihm, öffnet den Blick für andere Wirklichkeiten.

 

So geschehen im Juni 2011: Der Kulturverein Kunstbox Seekirchen und die Società Dante Alighieri Salzburg luden zur dritten gemeinsamen Kunstreise – zur 54. Biennale di Venezia – und 38 Kunstinteressierte folgten dem Ruf der Künste. Das Motto der Biennale in der Lagunenstadt lautete diesmal: „ILLUMInazioni – ILLUMInations“. 82 Künstler aus aller Welt, versammelt von der Schweizer Kuratorin (und bisher einzigen DirektorIN) Bice Curiger widmen sich im Zentralpavillon diesem Thema. In den Nationenpavillons hingegen finden sich Kunstwerke aus 89 Ländern: Die Kunst ist in Bewegung, so groß war die Biennale noch nie. Das spürten auch die Kunstreisenden unserer Gruppe in den Beinen. Anstrengend ist der Besuch dieser Biennale allemal – und zudem immer zu kurz.

 

Wie bilden sich Revolutionen, Naturkatastrophen, Umweltdesaster, Finanzdebakel in der Kunst ab? Tun sie es oder auch nicht? Im griechischen Pavillon plätschert hinter einer hölzernen Fassade einfach nur Wasser. Die USA lassen einen Athleten auf der Kette eines umgedrehten Panzers joggen, während eine Nachbildung der Freiheitsstatue auf der Sonnenbank liegt. Krieg und Frieden als wohlfeile Stichworte für eine mondäne Inszenierung. Ähnlich spektakulär auch der französische Pavillon, wo verwischte Schwarzweiß-Fotos von Babygesichtern über ein Rollband durch den Bau geschickt werden. In den Seitenflügeln zeigen dann überdimensionale Digitalanzeigen die sich sekündlich ändernden Geburten- und Todesraten.

 

Aufregend wird es in den Giardini immer dann, wenn ein Künstler intensiv mit dem Raum arbeitet und ihn verwandelt, wie es Markus Schinwald im österreichischen Pavillon gelungen ist. Hier sei angemerkt: Nach dem Besuch dieses Pavillons regt sich auch beim liberalst denkenden aus Österreich stammenden Besucher ein gewisser Stolz. Schinwald ist mit dieser Installation ein ganz großer Wurf gelungen. Auch der deutsche Auftritt mit der posthum an Christoph Schlingensief gerichteten Inszenierung berührt.

 

Zum Thema Nationalismus in der Kunst: Die immer wieder geforderte Abschaffung der nationalen Pavillons erscheint gerade heuer nicht erstrebenswert. Die viel kritisierten Länderpavillons sind kein Hindernis, sondern eher ein Anlass der Erleuchtung. Der Besucher will wissen, wie es um die Kunst in den Ländern steht – und: die Kunst schert sich sowieso nicht um Grenzen. Beispiel Albanien: Hier zeigt eine Nation, in der die Kunstszene erst im Entstehen ist, wo die Künstler erst jetzt aus ihren Verstecken ans Licht kommen, einen eindrucksvollen Querschnitt – gar nicht nationalistisch, aber umso kreativer, äußerst sensibel kuratiert und begleitet von Riccardo Caldura und außerhalb der überlaufenen Giardini und Arsenale.

 

Apropos Licht: Am diesem Thema kommt die Kunst ja ohnehin nicht vorbei und das von Bice Uriger gewählte Motto erscheint zwar im Vorfeld spannend, in der Umsetzung aber eher beliebig und schwer nachvollziehbar. Von Tintoretto, Venedigs Genius loci, der das Licht eindrucksvoll einsetzte (die drei Bilder im Hauptraum des zentralen Pavillons wirken leider abgestellt und flach), bis zu beleuchteten Glas- und Spiegeltreppen hin zum Neonröhren-Erleuchtungsbündel an der Decke scheint alles dem Thema zu dienen – oder auch nicht.

 

Stellvertretend für viele bemerkenswerte Installationen seien zwei erwähnt: Der 24-Stunden-Film „The Clock“ des US-Künstlers Christian Marclay, der eine Collage internationaler Filmzitate in Echtheit abspult – zum Erstaunen vieler Besucher. Als zweites Beispiel sei der Schweizer Urs Fischer genannt, der Giovanni Bolognas „Raub der Sabinerinnen“ aus Wachs mit Dochten nachformen ließ. Ganz langsam brennt die gewaltige Barockskulptur nun in den kommenden Wochen als überdimensionale Kerze nieder – was auch die Endlichkeit des menschlichen Lichtes symbolisieren soll.

 

Soviel zum Bericht des Gesehenen, auch wenn das nur ein kleiner Ausschnitt ist. Die kleine fröhliche Delegation aus Seekirchen und Salzburg, Teil der über 300.000 erwarteten Besucher der Biennale, sammelten Eindrücke bis zur Erschöpfung, labten sich an köstlichem Wein und Fisch, redeten stundenlang über Kunst und die Welt, verscheuchten lästige Autoschlangen mit italienischen Liedern und kehrten nach drei Tagen mit unzähligen Inspirationen heim. Die Suche nach neuen Wirklichkeiten ließ alle zurück mit zwei brennenden Fragen: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wohin geht die nächste Kunstreise?

(lf)

 

 











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