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18.07.11 - 09:28 Uhr

Die Mystik des Unsichtbaren


Dass Klänge unsichtbar sind, ist keine weltbewegende Erkenntnis. Und so hat man bei einem „normalen“ Vokalkonzert das vertraute Gefühl, dass alles einer gewohnten Ordnung folgt. Die SängerInnen atmen, bewegen den Mund und als Folge des Zusammenspiels zwischen Kehlkopf, Stimmbändern und Mundbewegung hört man Klänge, gesungene Texte, bis hin zu irrwitzigen Beatboxrhythmen. Soweit so gut.

 

Zwar folgte auch das Obertonkonzert „Zauberton“ von Julia Renöckl und Gerhard Narbeshuber diesem gelernten Ablauf. Aber nur bis zu einem gewissen Punkt.

Als ob sich ein Dimensionstor öffnen würde, hört das Publikum in der Nikolauskirche in Waldprechting plötzlich Stimmen aus einer anderen Welt, die scheinbar aus dem Nichts kommen. Zarte, hohe Klangfolgen dringen aus dem Deckengewölbe der Kapelle an unsere Ohren. Wären wir bei einer Séance, würden wohl einige schreiend aus der Kirche laufen, aber durch die vorangegangene, kurze Einführung in die Prinzipien des Obertongesanges durch Julia Renöckl steht uns stattdessen das pure Staunen ins Gesicht geschrieben.

 

Die Obertonmelodien der einzelnen Stücke sind so deutlich hörbar und präsent, dass man als sich Zuhörer immer wieder dabei ertappt, nach dem mystischen Wesen Ausschau zu halten, das die beiden Künstler vor dem Kirchenaltar so gefühlvoll begleitet. Das liegt nicht zuletzt daran, dass auch die Grundmelodien auf denen Renöckl und Narbeshuber die virtuose Obertonwelt aufbauen, für sich schon sehr spirituellen Charakter haben. Wer sich selbst schon einmal am Obertongesang versucht hat, weiß wie viel Konzentration und Übung es erfordert, zumindest einen Oberton zu Gehör zu bringen, der wenigstens ein paar Sekunden „stehen bleibt“ und kann im Ansatz ermessen, welche unfassbare Kunstfertigkeit notwendig ist, um, wie die beiden Sänger, ein ganzes Konzert mit vollständigen Obertonmelodien zu bestreiten.

 

Nach jedem Atemzug, nach jeder Pause muss das Obertonspektrum wieder von neuem aufgebaut und die Melodie fortgesetzt werden. Es ist zutiefst beeindruckend und zugleich herrlich anzuhören. Immer wieder ist man von der Deutlichkeit der wunderbaren Klänge beeindruckt, die manchmal Ähnlichkeit mit virtuosem Flötenspiel haben und alles forttragen, was sich nicht am Kirchengestühl festhält.

 

Das Publikum bedankt sich bei Julia Renöckl und Gerhard Narbeshuber mit begeistertem Applaus, in deren Gesichtern die große Freude über den überwältigenden Abend aber auch die konzentrierte Anstrengung zu lesen ist. Die Geister die sie riefen, fordern ihren Tribut. Mit den letzten Reserven zaubern die beiden die Nikolauskirche samt Passagieren noch einmal in das mystische Reich der Obertöne, dann schließt sich das Dimensionstor auf dem Hügel über Seekirchen für diesen Abend. Oder bleibt ein kleiner Spalt geöffnet? Gehen sie hin und setzen sie sich ganz still auf eine Bank...

(mw)

 











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