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20.11.11 - 12:15 Uhr

Heimat bist du, großer.....


Vor überschaubarem Publikum fand am 19. November die Podiumsdiskussion zum KunstBox-Schwerpunktthema SPRACHE.FREMDE.HEIMAT statt. Auf der Bühne eine hochkarätige Podiumsbesetzung, moderiert von Prof. Dr. Kurt Luger von der Universität Salzburg, dort zuständig für den Fachbereich Interkulturelle Kommunikation. Die Diskutierenden waren: Mag. Paul Arzt, Gleichbehandlungs-Spezialist im Land Salzburg; Univ. Prof. Dr. Christian Dirninger, Universität Salzburg, Wirtschaftsgeschichte; Mieze Medusa, Poetin, Rapperin und Slammasterin; Mag. Delfa Papic, Projektleiterin Ibis Acam, Hallein; Mag. Thomas Schuster, Geschäftsführer Verein Spektrum; Dr. Anton Thuswaldner, Salzburger Nachrichten, Literaturkritiker.

 

Aus aktuellem Anlass drehte sich die Diskussion am Beginn um die Tatsache, dass es die "Töchter" durch einen gemeinsamen Antrag von SPÖ, ÖVP und Grünen praktisch in die Bundeshymne geschafft haben. Die Standpunkte hätten unterschiedlicher nicht sein können. Während Paul Arzt meinte, dies wäre zwar kein großer, aber doch ein Dienst am Anliegen einer geschlechtergerechten Kultur. Auch ein Text, der 1945 entstanden ist, darf in einer Phase des Umbruchs überdacht werden.

 

Anton Thuswaldner fand diese Lösung "völlig missraten" und ohne inhaltliche Substanz, weil von oben (Politik) verordnet. Aus literarischer Sicht sei das der Hymne zugrundeliegende Gedicht einfach "kaputt". Diese Ablehnung teilte auch Mieze Medusa, die statt riesigen politischen Aufwands wegen zweier Wörter einfach mehr Kreativität im Umgang mit Sprache einforderte. Sie begrüßte in diesem Sinn das Publikum geschlechterneutral als "Zuhörende". Sie und der Spektrum-Geschäftsführer Thomas Schuster positionierten sich im Gespräch sehr schnell als Vertreter der Jugend und Jugendkultur. Schuster betonte, dass Jugend auf der Suche nach Identität auch den Sprachgebrauch verändere, dies sei legitim und historisch nicht neu, schon Mozart pflegte einen kreativen Umgang mit der deutschen Sprache. Die diene vor allem der Differenzierung, die Jugendliche zwingend zur Persönlichkeitsentwicklung brauchen.

 

Eine weitere Facette brachte Delfa Papic ein, die Rolle der MigrantInnen in Österreich, sowie den Umgang mit ihnen. Es sei kein demokratisch vertretbares Mittel, von Zuwanderern schon vor der Einreise Sprachbeherrschung abzuverlangen, die Landessprache aber im Land zu erlernen, sei ein Muss. Sie erlebe tagtäglich Jugendliche mit migrantischem Hintergrund, in Österreich geboren, aber mit großen Sprachmängeln. Es stellt sich die Frage: wer hat hier versagt? Sprache, Integration und Bildung sollten viel besser verknüpft werden.

 

Diese Fragen führten schnell zum Themenbereich "Sprache und Heimat". Kurt Luger versuchte es mit einer Metapher: "Heimat ist dort, wo ich einen Witz erzähle und er wird von allen verstanden." Es gehöre einfach mehr zum Begriff Heimat als nur das Erlernen der Sprache, es braucht den Kontext, in dem man sich bewegt, nur dann wird Sprache auch umfassend verstanden. Es brauche eine neue Dimension des Raums, der Verortung.

 

Delfa Papic ergänzte mit praktischer Erfahrung - es sei hilfreich, Gemeinsamkeiten in Brauchtum und Kultur herauszufinden, dies stärke die nonverbale Verständigung der unterschiedlichen Sprachgruppen.

Zudem passiere Alltagsdiskriminierung nicht nur wegen mangelnder Sprachkenntisse, vielmehr aufgrund des Aussehens, berichtete Paul Arzt aus einen Erfahrungen, und Mieze Medusa warf ein, dass Sprache in jeder Richtung als Mittel zur Ausgrenzung missbraucht werde, auch hochdeutsch Sprechende werden im dialektischen Umfeld - besonders in der Schule - oft gehänselt.

 

Christian Dirninger verwies auf die Chance durch Sprachenvielfalt und brachte als Beispiel Barbara Frischmuth, deren Interesse am Fremden und am Anderen, ihrer Lust an Sprachen die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen vorantrieb, was sich heute noch in ihrem umfangreichen Werk spiegelt. Auch Anton Thuswaldner unterstrich den Einfluss fremdsprachiger AutorInnen auf die deutschsprachige Literatur, weil gerade deutsch schreibende Dichter und Schriftsteller aus Ländern wie zum Beispiel Ungarn die Veränderung der Sprache im positiven Sinne vorantreiben, es aber auch eine Rückbesinnung gäbe auf altes, wie Kleist, der sich einer Sprache bediente, die heute noch bewegt.

 

"Es gibt eine Sprache, auch ohne zu reden", meinte Paul Arzt und berichtete von der Kompaktheit einer internationalen Gebärdensprache und leitete damit indirekt eine lebhafte Publikumsdiskussion ein. Auch hier war deutlich zu erkennen, dass eine hohe Unzufriedenheit und Unsicherheit mit dem österreichischen Umgang mit Sprache besteht, wenngleich die Standpunkte unterschiedlicher nicht sein konnten. Von der Forderung nach mehr Einfachheit in der Sprache und Stammtischpflichtbesuchen bis zum Wunsch nach mehr Vielfalt und Offenheit kam alles "zur Sprache". Ein bitterer Nachgeschmack blieb doch - das Gefühl, dass die österreichische Bildungspolitik gegen Diskussionen wie diese auch weiterhin resistent sein wird. Man ist ja im Parlament "sprachlich" monatelang mit ein oder zwei Wörtern in der Bundeshymne beschäftigt....

(lf)

 

 

 

 











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