Kulturverein Kunstbox Seekirchen - Home
NewsProgrammKulturvereinServiceLinksEmailwerk
AktuellArchiv
Archiv
30.11.12 - 10:36 Uhr

Alte Geschichte - immerwährend aktuell


Die Geschichte des Till Eulenspiegel ist alt, sehr alt. Aus dem Jahr 1510 stammt die erste datierte Fassung. Aber wie alt ist Till wirklich?

 

Wenn man die bezaubernde Fassung des Theater Ecce (nach einer Idee von Peter Blaikner und Konstantin Wecker) auf der Bühne sieht, hat man, auch dank des liebevollen und nicht mittelalterlichen Bühnenbilds, den Eindruck, ein zeitgenössisches Stück zu genießen. Nicht nur wegen des Schurkens Elektro Ede, der damals nur schwerlich in der Eulenspiegelschen Geschichte vorkommen konnte, sondern weil die menschlichen Schwächen, die Till schamlos zu seinen Gunsten nutzt, heute dieselben sind wie damals. Der Spiegel von Eulenspiegel reflektiert die Bilder von Gier, Eitelkeit, Hochmut und vor allem der vielen verknöcherten Gesellschaftsstrukturen des „was man darf und was man nicht darf“ und ist damit aktueller denn je.

 

Reinhold Tritscher setzt in seiner lebendigen Inszenierung nicht auf die Verklärung des Schalks zum unterhaltenden Faschingsscherz, sondern bemüht sich um die kindgerechte Herausarbeitung von ethischen Werten, beziehungsweise zeigt, wie geist- und kritiklos wir im Dasein treiben, wenn wir uns das Gewissen des eigenen Hausverstands durch die führende Obrigkeit haben abnehmen lassen. Um dem Anspruch des Kindertheaters wirklich gerecht zu bleiben, verzichtet Tritscher darauf, die hergebrachten Führungssymbole wie Polizei, Pfarrer oder Arzt durch moderne Protagonisten wie Politiker, Vorstände oder Finanzmanager zu ersetzen und sorgt so dafür, dass alle im Publikum sich gleichermaßen angesprochen fühlen.

 

Die Idee, Eulenspiegel als Musical aufzusetzen, macht das fast zwei Stunden dauernde Stück äußerst kurzweilig und noch eine Stufe ausdrucksstärker. Für die Darsteller bedeutet dieses Format freilich eine große Herausforderung, was auf der Bühne aber keinen Moment merkbar wurde. Das Ensemble spielt wunderbar zusammen und hält das junge Publikum in der Geschichte bis zur letzten Minute. Der selbstverschuldet leidgeprüfte Kommissar Höllriegel, ausdrucksvoll gespielt von Jurij Diez kommt dabei ebenso echt beim Publikum an, wie seine bildhübsche und quicklebendige Tochter Nele (Anna Paumgartner), die die Gäste im Emailwerk gleichsam mit berührendem Spiel und toller Stimme in Ihren Bann zieht.

 

Herwig Ofner springt und quirlt als Eulenspiegel über die Bühne, als wäre er es leibhaftig. Auch alle anderen Mitglieder des Ensembles (Bina Blumencron, Rupert Bopp, Jurij Diez, Jurek Milewski, Anna Paumgartner) verbreiten als Schergen der Gesellschaft und Opfer des gnadenlos aufdeckenden Eulenspiegel Nachdenklichkeit und Heiterkeit im Publikum. Die Kinder sind hingerissen.

 

Auch bei der Wahl des musikalischen Rahmens hat Tritscher in die Vollen gegriffen. Gernot Haslauer, Robert Kainar und Philipp Nykrin gehören zu dem Format Musiker, die mit ihrer Kunstfertigkeit die Säle für sich alleine füllen. Als Teil der eulenspiegelschen Bühnenriege arbeiten sie die vielen großen und kleinen Pointen und Höhepunkte meisterhaft heraus und verstärken damit die gelungene Dramaturgie noch um eine gehörige Portion.

 

Einmal mehr ist dieser Till zwar auch ein Aufruf zum Ungehorsam – die zentrale Botschaft, gerade an die Kinder lautet aber: Macht, wie ihr wollt! Lasst euch nicht sagen, was euch zu gefallen hat und was nicht. Und wenn alle sagen, das ist toll, heißt es einmal mehr nachdenken ob es das wirklich ist. Und seid auf der Hut vor kritikloser Blindheit! Weniger vor der offensichtlichen, die man von Weiten kommen sieht, sondern vor der leisen, schleichenden, sich anbiedernden. Seid argwöhnisch gegenüber Kapazundern, Experten und auch den freundlichsten Führern. Falls der Till in euch gerade schläft, weckt ihn auf, tut, was ihr gerne tut und genießt es.

Denn nichts tun, tut nicht nichts.

(mw)

 











<- Zurück zu: Archiv