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09.05.13 - 13:45 Uhr

Erdiger Höhenflug


Er ist kein Schwarzer, er kommt auch nicht aus den USA, sondern aus der Steiermark. Dennoch hat er den Blues im Blut wie kein anderer. Vor 47 Jahren in Wagna geboren, mit 15 die erste Gitarre geschultert, zählt Oliver Mally zu den profiliertesten Bluesmusikern überhaupt. Den Vergleich mit internationalen Größen hält er locker aus. Und eigentlich braucht eine Bühne nicht mehr als Oliver Mally und seine Gitarre. Dieser Mann könnte sich selbst auf der Bühne genug sein - und seinem Publikum auch. Dennoch sucht der kompromisslose Perfektionist immer ein Gegengewicht, eine andere musikalische Größe, mit der es ihm gelingt, sein Gefühl für den Blues zu multiplizieren, zu potenzieren. Mit Frank Schwinn gelingt dieser Drahtseilakt. Der österreichische Deutsche ist im Gegensatz zum Autodidakten Mally studierter Musiker. Ein genialer Gitarrist und Produzent mit viel Erfahrung im Jazz - was die beiden eint, ist die Liebe zum Blues.

 

Was aber macht den Blues so besonders? Rein musikwissenschaftlich widerspricht der Blues fast jeder klassischen Regel der Musiktheorie, weil es eigentlich nicht möglich ist, die Moll-Pentatonik über einen Dur-Akkord zu spielen. Aber der Blues ist eben auch mehr ein Gefühlszustand als angewandte Musiktheorie. Man kann diese Musik nicht spielen, solange man seine Urväter nicht eingehend studiert hat. Nur durch reinhören und einfühlen in diese Musik kann man dem Blues jemals beikommen. Man spielt nicht einfach einen Blues, sondern man hat den Blues, das heißt man fühlt einen tiefen Weltschmerz, weil die eigene Situation eben so ist, wie sie ist - traurig halt. Darum spielt man das traurige Moll. Aber irgendwie schafft man es immer wieder, sich aufzuraffen und mit Galgenhumor seinen Tag über die Runden zu bringen. Diese Kraft, die man ja irgendwo hernehmen muss, verlangen nach einem Dur-Akkord-Gerüst. Der Blues schwimmt also irgendwo zwischen Dur und Moll, und lässt sich nirgends ganz klar festlegen.

 

All das spielt aber keine Rolle, wenn man bei und mit den beiden Ausnahmemusikern im Konzertsaal sitzt. Weil Blues auch die Nähe zum Publikum braucht. Wenn die stimmt, kann es schon sein, dass ein Funke überspringt und eine Konzertatmosphäre entsteht, die so besonders ist wie die beiden Musiker auf der Bühne. Das gelang am 8. Mai im Emailwerk Seekirchen. Es war ein bemerkenswertes Konzert. Eines von denen, die glücklich machen. Zum Auftakt des Konzertes erklang erst mal Blues im konventionellen Gitarrenstil: Mallys akustische Gitarre gradlinig, pur und einfach gespielt. Dazu gestampfter Herzschlag. Erste Anzeichen von Gänsehaut. Dann stieg Frank Schwinn auf der E-Gitarre mit ein, der dezent wie brillant seine Akzente setzte. Zwei starke Gitarristen. Wenig Aufwand, große Wirkung.

 

Die beiden nahmen für mehr als zwei Stunden die Zuhörer auf eine Blues-Reise mit. Stücke wie „Down with the Blues“, „She´s my Downfall“ oder der „Devil´s Child“ ließen im Kopfkino Bilder entstehen: Sir Oliver Mally auf der Ladefläche eines alten Lasters im Sonnenschein über verstaubte Landstraßen geholpert und dabei die Gitarre im Arm. Die liegt nicht ruhig auf seinem Schoß, sondern spielerisch in seinen Händen, manchmal liegt er sogar auf ihr. Ein Bild voller Innigkeit und Intimität. Seine Finger gleiten über die Saiten, streicheln und zerren daran. Die Stimme des Musikers auf der Ladefläche klingt bluesig-rauh, eben vollkommen. Und immer wieder dieses Wechselbad der Gefühle: die Liebe Oliver Mallys zum Singer/Songwriter-Genre schuf ganz besondere, zarte Momente mit „Meet me on the Riverbank“ oder „Sweet & Fine“.

 

Großes Musik-Kino oder authentisches Konzert? Niemand kann das beantworten. Mit großer Wahrscheinlichkeit war es beides, das die Menschen an diesem Abend so in ihren Bann gezogen hat. Ein Abend der Gegensätze: Euphorische Traurigkeit, gefühlvolle Perfektion und erdiger Höhenflug.

(lf)

 

 











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