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23.05.13 - 18:36 Uhr

Blättern im Buch der Seelen


Das Stück „Meine Schwester (H)elena“ erzählt davon, dass Menschen zu etwas Großartigem wachsen können, egal, wie oft sie gebrochen wurden.

Es erzählt von der Schwierigkeit, einen anderen Menschen zu verstehen, solange man ihn nicht wirklich kennt.

 

Und es erzählt, dass dieses „Verstehen lernen“ viel mit Mut zu tun hat. Gerade, wenn es die eigenen Eltern sind. Denn einen Menschen verstehen, bedeutet, seinen Standpunkt einzunehmen.

 

Mila ist keine Göre. Sie ist eine ganz normale Fünfzehnjährige, die dank eines behüteten Elternhauses ihre ganze Energie in eine herrliche Trotzphase stecken kann. Bis sie eines Tages…. ja was eigentlich? In einen tiefen Traum fällt? In die Seiten des Tagebuches ihrer Mutter?

 

Wie Mila in ihre neue Welt gelangt, ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass sie im Sichtfeld ihrer neuen Perspektive Elena trifft. Elena ist ihre Wächterin, Führerin und ihr Alter Ego zugleich. Während Mila über das Tagebuch ihrer nervigen Mutter deren Jugend erlebt, ist Elena an ihrer Seite. Einmal stellt sie provokante Fragen, einmal ist sie die Vernunft, oft schlüpft sie in prägende Figuren aus Marions (Milas Mutter) Teenagerzeit.

 

In Karin und Elfi zum Beispiel, die Marion bis auf die Knochen demütigten. Oder in Janik – der ersten Liebe Marions. Für Mila verschwimmt die Grenze zwischen Beobachten und Erleben immer mehr. Im Lauf der vielen Erinnerungen wird Mila immer mehr zu Marion, sie beginnt mit ihrer Mutter mitzuleiden, als diese wieder einmal erniedrigt wird. Beobachtet skeptisch, wie sich Marion in eine Romanze mit Jan verstrickt. Will die 13jährige Marion vom „ersten Mal“ abhalten. Und besonders trifft es Mila, dass ihre Mutter nicht einmal richtig schreiben und lesen gelernt hat. Kurz – durch das gemeinsame Erleben beginnt sie ihre Mutter erstmals wirklich zu verstehen…

 

Und noch eine Partei beginnt zu verstehen. Das jugendliche Publikum im Emailwerk. Und jeder drückt dieses Verstehen auf seine Weise aus. Die Jungens rutschen etwas nervös auf den Sesseln herum. Das Verhältnis Mutter-Tochter ist ihnen nicht so nahe wie den Mädels, dennoch können sie sich der Geschichte nicht entziehen. Sie erkennen die Sprüche Jans wieder. Sie wissen, dass Milas und Marions Erlebnisse nur eine andere Perspektive ihrer eigenen sind.

 

Die jungen Frauen im Publikum hingegen rühren sich keinen Millimeter. Sie sind von der Wahrheit des Geschehens tief berührt. Sowohl die Erlebnisse aber noch mehr die Gefühle Milas als auch Marions sind ihnen nicht fremd. Und einige fragen sich während der Vorstellung wohl nach den Erlebnissen ihrer Mütter.

 

Den Darstellerinnen von Mila und Marion (Elisabeth Nelhiebel) und von Elena, Janik und allen anderen (Nevena Lukic) kann man nur Danke sagen. Ihr großartiges Spiel ist so authentisch und bewegend, dass sich weder das junge noch das alte Publikum auch nur einen Moment entziehen kann. Man steckt mit Herz und Seele so tief in der Handlung (auch als Mann), dass man einer gefühllosen Apothekerin, von der eine verzweifelte und allein gelassene 13jährige einen Schwangerschaftstest kaufen muss, am liebsten eine knallen möchte.

 

Ab dem Zeitpunkt, an dem feststeht, dass Marion als 15jährige von Jan schwanger war, kristallisieren sich einige Verbindungen heraus, die das ganze Geschehen in ein völlig neues Licht tauchen. Milas Führerin durch das Tagebuch heißt Elena. Janik nannte Milas Mutter Helena (der Schönheit wegen, wie er sagte). Elena? Helena? Ist die Ähnlichkeit Zufall? Und wenn Milas Mutter schwanger war, wo ist das Kind jetzt? Wo ist Milas Halbgeschwister in der realen Welt? Und warum ist Elena in Milas Traum immer weiß angezogen?

 

Im selben Augenblick, in dem Mila klar wird, dass ihre Mutter das Kind aus Verzweiflung abgetrieben hat, weiß sie, wer Elena ist. Elena ist ihre Halbschwester. Ihre Mutter Marion, die vom Kindsvater „Helena“ genannt wurde, gab ihrem ersten Kind den Namen Elena – nur einen Buchstaben von ihrem eigenen Kosenamen entfernt, gleichsam als ewiges Band. Kann ein Liebesbeweis von Mutter zum ungeborenen Kind zärtlicher sein?

 

Aber wie ist es möglich, dass Mila in den Seiten des Tagebuchs ihrer Mutter feststeckt und dabei von ihrer ungeborenen Halbschwester begleitet wird? Wie kann dieses Tagebuch überhaupt existieren, wo Milas Mutter doch nie schreiben lernte?

 

Erst am Ende dieser bezaubernden Geschichte offenbaren deren ebenso bezaubernde Protagonisten Elisabeth Nelhiebel und Nevena Lukic, dass Marion nach dem Verlust von Elena den Entschluss fasste, lesen und schreiben zu lernen. Einzig mit dem Ziel, ihre Geschichte in einem Tagebuch festzuhalten. Und jetzt, da Mila nach einem Fahrradunfall im Koma liegt, liest Milas Mutter Marion ihr dieses Tagebuch am Krankenbett vor. Mila, die auf diesem Weg unbewusst alles von ihrer Mutter erfahren hat, kann sich nun im Traum von ihrer Halbschwester Elena, die sie durch das Vorgelesene im Koma kennenlernte, verabschieden und zu ihrer Mutter in die Realität zurückzukehren. Sie wird Elena nie vergessen. Ebenso wenig wie das Publikum im Emailwerk. Und Sie wird ihre großartige Mutter ab jetzt mit ganz anderen Augen sehen. Ebenso wie wir.

(mw)

 











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