Kulturverein Kunstbox Seekirchen - Home
NewsProgrammKulturvereinServiceLinksEmailwerk
AktuellArchiv
Archiv
17.06.13 - 18:23 Uhr

Unterwegs im Weltatlas der Kunst


Zwei befreundete Organisationen – die Società Dante Alighieri Salzburg und die Kunstbox Seekirchen - luden ein zur Reise in die Lagunenstadt Venedig, in der zurzeit nur die Kunst das Sagen hat. Nicht ganz, denn just am Anreisetag der aus 39 Kunsthungrigen bestehenden Gruppe streikte das öffentliche Transportwesen, sprich eben auch die Fähren und die Vaporetti. Wahrscheinlich, um die Besucher der 55. Biennale zurück auf den Boden zu holen und ihnen mitzuteilen, dass es noch was anderes gibt als Kunst und Esoterik. Wie dieser Streik ausgegangen ist, entzieht sich unserer Kenntnis, für die kleine Gruppe aus Österreich gut, denn wo ein Nachteil ist, gibt es auch einen Vorteil. Mit vier schicken Wassertaxis wurden wir bis vor die Tür des Hotels am Lido gebracht - nobel!

 

Doch nun zur Biennale: Eine Ausstellung über den Exzess, die Sehnsucht nach Wissen, über Visionen und Obsessionen hat Massimiliano Gioni auf die Beine gestellt. „Il Palazzo Enciclopedico“ nennt der eloquente Kurator seine internationale Schau in den langen Hallen des Arsenale. Sie ergänzt die Länderpavillons in den Giardini. „Welcher Raum bleibt für innere Bilder in einer Gesellschaft, die von äußeren Bildern kolonialisiert wird?“, so die botschaftsschwangere Frage. Die Idee dieses Lexikons des Unbewussten ist nicht neu, schon der Automechaniker Marino Auriti hatte 1955 sein Projekt eines enzyklopädischen Palastes als Patent angemeldet - ein Gebäude in Teleskopform, das man sogleich nach dem Betreten der Ausstellungsräume bewundern kann. Auf 136 Stockwerken sollte dieser Wissensspeicher die Erfindungen der Menschheit beherbergen.

 

Eine bestechende Idee Gionis, aber nicht unumstritten. Das Projekt greift zurück auf die Anfänge des 20. Jahrhunderts und unterscheidet nicht zwischen Professionellen und Laienkünstlern. C.G. Jungs Traumbuch aus dem Jahr 1913 illustriert, weist den Weg durch große Namen: Rudolf Steiner, die chinesische Heilerin Guo Fengyi, außerdem: Dorothea Tanning, Hilma af Klingt, Maria Lassnig und Cindy Sherman. Die Ausstellung soll angeblich einen Weg aus dem Marktwahnsinn hin zu Konzentration, Bedacht, Kontemplation, Vision, selbstentworfenen Kosmologien erschließen. Die aktuelle Kunstwelt aber dreht sich vor allem um Pop und die globalisierte Kultur und beschäftigt sich damit, wie sich die Bilder durchs Internet in die Welt zerstreuen. Man könnte erwarten, dass das Internet ein zentrales Thema dieser Biennale darstellt – ist es doch auf seine Weise wohl im Moment überhaupt der „Palazzo Enciclopedico“ schlechthin. Eine Tatsache, die ja auch KünstlerInnen auf vielfältige Weise beschäftigt. Gioni aber lässt das Internet aus, sicher bewusst, ihm geht es mehr um eine materielle Kunst. Auch wenn sie manchmal mehr als Bastelei daherkommt. Denn: Outsider sind in – man erlebt auf der Biennale 2013 viele KünstlerInnen, die sich nicht als solche verstehen. Kritiker feiern die Schau als Triumph über das etablierte Kunstsystem.

 

Bei aller Verwunderung über diese Biennale, bei der die Kunst als Objekt und das Unterbewusste als Haltung eine so zentrale Bedeutung einnehmen, muss man ihr eines lassen: Langweile kommt nur selten auf. Gioni hat ein gutes Gespür für Rhythmus, die Mischung aus verschiedenen Medien ist sehr abwechslungsreich, und die ersten Säle im Arsenale sind auch inhaltlich so durchgestaltet, dass es eine Freude ist. Außerdem hat er viel Sinn für erfrischende Kombinationen. Auch ein Novum: Der Vatikan nimmt in diesem Jahr erstmals an der Kunstbiennale Venedig teil. Die ersten elf Kapitel des Buchs Genesis wurden aufgegriffen und in Kunst umgesetzt. Pure Sinnlichkeit dagegen im Pavillon Lateinamerikas. 300 in Tonschalen aufgehäufte Kegel aus gemahlenen Gewürzen aus aller Welt bilden durch ihr geometrisches Muster eine Art Landkarte des kulinarischen Reichtums unserer Erde. Wer den Raum betritt, erlebt eine Explosion von Farben, Aromen und Gerüche. Schokolade, Pfeffer, Ingwer, Koriander, Zimt, Chili, Senf, Kaffee, Anis, Paprika und Curry.

 

Die Ausstellung in den Giardini hingegen kommt ein wenig beliebiger daher. Natürlich, es gibt ein paar spektakuläre Aktionen wie den Pavillontausch zwischen Deutschland und Frankreich, der das Jubiläumsjahr des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages unterstreichen soll. Mit Ai Weiwei, Romuald Karmakar, Santu Mofokeng und Dayanita Singh, die gemeinsam die Bundesrepublik vertreten, und dem heute in Berlin lebenden albanischen Künstler Anri Sala als Repräsentanten Frankreichs kommt es nun zum Wechselspiel. Natürlich gibt es wie immer mehr oder weniger verständliche, mehr oder weniger attraktive, mehr oder weniger kritische Installationen in den Pavillons - auch mehr oder weniger mutig. Das ist aber bei jeder Biennale der Fall. Manches aus der Biennale-Wundertüte erschließt sich sofort – manches wirkt anregend und manches erzeugt Ratlosigkeit. So wie der dreiminütige Zeichentrickfilm „Imitation of life“ von Mathias Poledna im österreichischen Pavillon , bei dem ein Esel als Hauptfigur im Stil Walt Disneys durch den Wald tanzt und singt. Leichter zugänglich ist uns da natürlich „Kitsch“, im besten Sinne des Wortes. Den bietet Ragnar Kijartansson – allerdings auf höchstem Niveau: Im Hafen vor dem Arsenale hat er ein Brass-Sextett im Frack auf ein umgebautes isländisches Fischerboot mit Rahsegel gesetzt, das ständig traurige Melodien darbietend zwischen zwei Anlegestellen hin und her gondelt. Zum Weinen schön.

 

Zusammengefasst: Die 55. Biennale von Venedig zeigt stärker denn je, dass der zeitgenössische Kunstbetrieb längst keine Grenzen mehr kennt. Sie kam uns aber auf eine freundliche Art etwas altmodisch vor – dazu passen auch die vielen leicht esoterisch angehauchten Arbeiten. Die Schau legt mit dem Thema Enzyklopädie ein interessantes Thema vor – und sie hat einen guten Rhythmus und dann und wann auch einen gewissen Witz. Insgesamt ist die Biennale, wie immer, das, was man aus ihr macht – und dazu gehören auch gute Stimmung, gutes Essen und noch besseren Wein, eine Gruppe, die dies alles schätzt und fröhlich Tag und Nacht zwischen den Kanälen wandelt. Nicht nur im Weltatlas der Kunst. Eine wunderbare Reise.

(lf)

 











<- Zurück zu: Archiv