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26.10.13 - 11:26 Uhr

Bleiben sie am Wort.


Anfangs dachte man, die ersten paar Sätze, die Bodo Hell ungespitzt ins Publikum rammte, wären eine Art verbaler Weckruf für das Folgende. Pustekuchen. Hell blieb am Tempo, blieb bei nahezu wahnwitzigen Satzstellungen und Verschachtelungen, blieb bei wortscharfen und dennoch fast beiläufigen Ätz-Attacken gegen fadenscheinige Moral und humane Abgründe.

 

Für das geforderte Publikum hieß es am Wort bleiben, dicht am Satz bleiben, bis der himmlische Literat mit der Teufelszunge per Satzende eine kleine Verschnaufpause zuließ. Eine kleine Unaufmerksamkeit während eines von Hells Satz-Konstrukten endete für den Betroffenen meist mit einem verlorenen Faden und damit im verbalen Chaos. Derjenige musste warten, bis ein Punkt oder eine der wunderbaren instrumentalen Unterbrechungen von Toni Burger Gelegenheit gab, die Syntax-Kräfte neu zu sammeln und sich in das nächste wortreiche Abenteuer zu stürzen.

 

Toni Burger spielte in diesem Duo den „good Cop“. Kurz bevor die heiß gelaufenen Nervenbahnen durchzuschmoren drohten, griff er zum Tegel mit dem Seelenbalsam, zumeist in Form einer Geige und nahm mit wunderschönen, dem Gelesenen entspringenden, Klängen, für ein paar Augenblicke das Tempo aus dem Geschehen. Einige im Publikum nutzten diese akustischen Zwischenspiele vermutlich, um den letzten Satz Hells im Sprachzentrum zur Endverarbeitung gelangen zu lassen, die meisten jedoch sanken tief in die malerischen Melodien Burgers, die das Vorangegangene oder Kommende in einem akustischen Bild interpretierten.

 

Senner Hells Texte beschrieben ausschweifend und detailliert fußgebirgige Gegend, hochalmige Sphären und die Höhenmeter dazwischen. In langsam kreisenden Bewegungen näherte er sich über Stock und Stein einem Ort des Geschehens und drückte dort seinen wortgehüllten Finger oft auf die schwarz nesselnden Wunden gar nicht menschlicher Krankheiten, wie klerikalen Kindesmissbrauch oder Hexenverfolgung. Überhaupt begegnete dem Publikum die kritische Beleuchtung katholischen Treibens, bis hin zur unbefleckten Empfängnis, in mannigfaltiger Ausprägung. Manchmal beließ er es auch bei Zivilisationsabgründen, wie einem gestörten Eltern-Kind-Verhältnis. Doch auch gelacht durfte werden: Satirische und musikalisch virtuose Abhandlungen über Ameisenvölker, Sternschnuppen, diverse Naturgeister oder im katholischen Sinn zurechtgebastelte Marienverehrung ließen den brillanten Wortwitz Hells und die nicht minder leuchtende Begleitung durch Toni Burger durch das Emailwerk strahlen.

Die „Almsagen und andere Legenden“ gingen unter die Haut und werden dort vermutlich noch lange ihr Wesen treiben.

(mw)











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