Kulturverein Kunstbox Seekirchen - Home
NewsProgrammKulturvereinServiceLinksEmailwerk
AktuellArchiv
Archiv
16.11.13 - 10:43 Uhr

Eine Sternstunde der Aufklärung


Der Innsbrucker Regisseur Alexander Kratzer hat sich ein Kinderbuch des Zeichners und Schriftstellers Janosch zur Brust genommen und es zu einem faszinierenden Theaterstück geformt. In diesem gehen das Mäusemädchen Tütü und der Maulwurfbub Didi der Frage der Fragen nach: Wer, in aller Welt, macht die Kinder? Darauf eine befriedigende Antwort zu bekommen, scheint alles andere als einfach zu sein. Und doch - bei der Aufführung im Emailwerk Seekirchen anlässlich der 6. Kreativen Kindertage schien dies nicht die Frage der Fragen zu sein. Denn während sich bei vergleichbaren Kindertheater-Vorstellungen 200 bis 250 Kinder mit ihren BetreuerInnen aus Schule und Kindergarten tummeln, fiel der Besuch diesmal ziemlich zurückhaltend aus. Der Grund dafür: Aufklärung! Ein heißes Eisen, Scham und Unwohlsein sind vorprogrammiert, wenn es um das Thema der Sexualität geht.

 

Dabei möchte man beinahe einen Kniefall machen vor der engagierten und gefühlvollen Umsetzung des genialen Buches durch eine ebenso geniale Darstellung des Theaters StromBomBoli und der DarstellerInnen Juliana Haider, Anja Pölzl und Hanno Waldner. Die heikle Frage, bei der gelegentlich auch Eltern leicht ins Trudeln kommen, wird hier auf so natürliche, spielerische Weise angepackt, dass auch die Erwachsenen auf ihre Kosten kommen. Das ist bei wirklich gutem Theater wie diesem selbstverständlich, denn die Menschen im Theater schlüpfen bei der Vorstellung in andere Rollen, als sie im Alltag haben – die Künstler auf der Bühne sowieso, aber auch die Zuschauer. Sie sind plötzlich Publikum, nicht mehr Vater, Mutter, Erzieher, Lehrer, nicht mehr Kindergartenkind oder Schüler, sondern jeder einzelne ist Teil des Theaterpublikums und erlebt die Vorstellung auf seine besondere Weise. Gutes Kindertheater spricht darum fast immer auch Erwachsene an.

 

Dabei ist die Umsetzung des Janosch-Buches beileibe nicht einfach. Dass er vom Tierreich die Brücke zur menschlichen Fortpflanzung schlägt, fordert auch Theatermacher heraus. In dieser Inszenierung ist das aber mehr als gelungen: Das Mäusemädchen Tütü hat die erste Liebe mit dem ach so „coolen“ Maulwurf Didi Neumann entdeckt. Und sie will nun auch endlich wissen, wie die Kinder gemacht werden. Weil Mama und Papa Maus aber in diesem Punkt lieber kneifen, bleibt nur noch die Biologiestunde in der Schule. Tütü gibt nicht nach, und nach einem langwierigen Unterrichtsvorspiel werden sie und ihr Freund Didi in der Schule über die Fortpflanzung aufgeklärt. Dazwischen gilt es natürlich einige Umwege zurückzulegen. So will etwa Lukas einen Tiergarten anlegen, indem er die Ausscheidungen von Hasen, Kühen oder Pferden unter die Erde legt und wartet, bis daraus Viecher wachsen. Immerhin weiß er, dass das bei Pflanzen auch so funktioniert. Ein bisschen Samen, ein bisschen gießen…

 

Es gibt sicherlich persönlichere Formen der Aufklärung, aber sicher keine fantasievollere als dieses Stück. Die Theaterpädagogin Helga Gruber hat das Phänomen Kindertheater in einem Vortrag in Salzburg einmal so formuliert: "Das Kindertheater hilft uns Erwachsenen, unsere Haltung gegenüber unsern Kindern neu zu erleben, und schenkt uns die Möglichkeit, sie in Frage zu stellen und uns vielleicht für Neues zu öffnen. Theater bedeutet Eintauchen in eine Welt, die das Ungewisse und vielleicht sogar mit Angst Gepaarte nicht ausspart. Exemplarisch können Kinder im Theater etwas erleben, was das ganze Leben hindurch immer wieder passiert – dass dunkle und schwierige Situationen in helle und freundliche münden. Sie erleben das nicht allein, sondern gemeinsam mit anderen Menschen im selben Raum. Und dabei merken sie, wie verschiedene Menschen auf diese Situation reagieren und nehmen auf wundersame Weise Dinge in sich auf."

 

Eine Sternstunde des Kindertheaters. Und der Aufklärung.

(lf)











<- Zurück zu: Archiv