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12.01.14 - 11:21 Uhr

Was hat Manu Delago mit Marco Polo zu tun?


Bereits das fünfte Mal gastierte Manu Delago mit seiner Formation „Handmade“ im Emailwerk Seekirchen, das eigentlich - in der Nachbetrachtung - der perfekte Ort für dieses 90-Minuten-Konzert von Manu Delago war und ist. Vor allem deshalb, weil sich gerade dieses Programm –"Bigger than Home" – durch Nähe und Intimität noch viel besser erschließt als in großen Konzerthallen.

 

"Bigger Than Home" ist so etwas wie ein Forschungsprojekt: Vier Musiker auf der Reise durch neue Klangdimensionen, von zartesten bis kontrastreichen Hang-Soli über elfenhafte Gesangslinien bis hin zu knackigen elektronischen Beats.

 

Für alle, die den sympathischen Tiroler mit seinem Hang noch nie gesehen und gehört haben, eine kleine Einführung: Manu Delago, gerade mal 29 Jahre alt, erlangte weltweite Bekanntheit durch seine innovative Virtuosität auf dem Hang, einem in der Musikgeschichte sehr jungem Instrument. Es wurde 2000 in der Schweiz entwickelt und ähnelt im Klang der bekannteren, aber weit nicht so facettenreichen Steeldrum. Delagos Solostück "Mono Desire" verzeichnet auf YouTube mehr als 4 Millionen Hits und ist das bekannteste Hangvideo im Internet. Dieses Video bekam auch die isländische Sängerin Björk zu sehen und beförderte Delago in ihre Band, mit der er seit 2011 auf Welttournee war. Manu Delago arbeitet außerdem mit erstklassigen Künstlern wie Anoushka Shankar, Bugge Wesseltoft, Didier Lockwood, Stuart McCallum oder dem London Symphony Orchestra zusammen.

 

Doch zurück zum Konzert in Seekirchen: Ein begeistertes Publikum füllte den Raum, konfrontiert mit einer Vielzahl an Instrumenten auf der Bühne. Zusätzlich zum traditionellen Line-up von Schlagzeug, Bass und Klavier (und mehreren Hangs) fanden sich da auch eine Reihe von elektronischen Features, darunter mehrere Synthesizer und elektronische Drum-Pads.

 

Die Besucher wurden umfangen mit einem ausbalancierten und vereinnahmenden Sound, der trotz der geringen Musikeranzahl oft fast orchestral daherkam. Genau aus dieser Homogenität erschafft Manu Delago die unterschiedlichsten Klangwelten. Es ist wie eine berauschende Infusion von mal exotischen, mal vertrauten Texturen aus weit entfernten Ecken der Musikwelt. Die ZuhörerInnen fühlten sich ein wenig wie Marco Polo auf seinen abenteuerlichen Reisen, der - oft nicht recht wissend, was hinter dem nächsten Berg oder der nächsten Flussbiegung zu erwarten war - von dem, was er fand, ganz und gar begeistert war. Das war der Moment, an dem er etwas empfand, das größer war als das, was er aus seiner Heimat kannte. Bigger than Home.

 

Aber es war nicht nur ein auditives, sondern auch ein visuelles Erlebnis. Zum einen, weil es faszinierend war, die Musiker einem nach dem anderen in Aktion zu beobachten, zum anderen, weil es Stücke gab, in der das Licht als weiteres Kompositionselement eingebracht wurde. In der völligen Finsternis wurde jeder gespielte Ton jeden Musikers in einer Lichtfarbe visualisiert - ein Erlebnis für alle Sinne.

 

Seine Sensibilität und die Fähigkeit, wunderschöne Werke aus der scharfen Beobachtung des Alltags zu erschaffen, beweist Delago mit "Ice Cream Van", inspiriert durch das Leben in London. Und auch an Humor fehlt es dem stillen Talent nicht. Sei es ein Duett mit dem Metronom, dem heimtückischen bestgehassten Partner jedes Schlagzeugers oder fast autobiografische Klänge, die die Welt eines knapp 5-jährigen Schlagzeugschülers und der Zustand zu den Nachbarn beschreibt. Auf die Spitze getrieben wird die humorvolle Seite mit "Tongue Twister K.", eine Art Verpflichtung des Meisters zur Aufklärung der Welt über den Tiroler Dialekt.

 

Man könnte über dieses Konzert sicherlich eine Rezension schreiben, die die Länge des Konzertes übertreffen würde. Doch darüber zu schreiben und zu lesen, ist nur die halbe Wahrheit. Man muss diese Formation gesehen und gehört haben, dieses perfekte Zusammenspiel, zu dem drei Dinge notwendig sind: Virtuosität, Professionalität und – Freundschaft. Die ist in jeder Sekunde spürbar, das Sich-aufeinander-verlassen, dieses blinde Vertrauen, das schafft eine Atmosphäre, die in jeder Sekunde auf das Publikum überspringt.

 

Um sie namentlich nicht unerwähnt zu lassen: Manu Delago wird unterstützt von einer elektrisierenden Isa Kurz, die mit ihrer Stimme Sphären schafft, die nicht von dieser Welt sind und dazu noch alle möglichen Instrumente bedient, von Philipp Moll, der traumwandlerisch mit seinem Bass den Boden so genial aufbereitet, dass alle andern Instrumente nur ihre Saat auswerfen müssen, und von Chris Norz, dem Schlagzeuger, vor dem kein Instrument, keine Oberfläche, kein elektronisches Gerät und auch kein Lichtschalter sicher ist, wenn es darum geht, Rhythmus und Groove zu erzeugen.

 

Das wahrscheinlich beste Konzert des noch so jungen Musikjahres.

(lf)

 

 











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