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21.02.15 - 16:40 Uhr

Kammerjazzworldbalkanpop


Die Donauwellenreiter machten Halt am Wallersee mit ihrer aktuellen Tour und CD mit dem klingenden Namen „Messëi“, dem ladinischen Wort für „müssen“. In diesem Wort stecken viele Bedeutungen: Aufgabe, Gebot, Muss, Notwendigkeit, Schuldigkeit, Unerlässlichkeit, Verpflichtung, Zwang, Auftrag, Forderung, Unabwendbarkeit, Pflicht oder Mission. Das letztgenannte Wort würde ich als Synonym für das im Emailwerk stattgefundene Donauwellenreiter-Konzert nehmen.

 

Maria Craffonara (voc, violin), Thomas Castañeda (piano), Jörg Mikula (drums) und Lukas Lauermann (cello) reisen nach Eigendefinition mit dem Auftrag durch die Welt, „ernsthafte musikalische und kompositorische Ambitionen ohne Abstriche an den eigenen Anspruch als wahres Vergnügen für die Zuhörenden zu zelebrieren“. Dass dies gelingt, war im Emailwerk deutlich zu spüren. Mit einem Balanceakt zwischen einer ungeheuren orchestralen Wucht und einer feinmechanisch anmutenden kammermusikalischen Präzision eroberten sie vom ersten Moment an Herzen und Ohren des Publikums, auch wenn die Musik beim einen oder anderen eine gewisse Verwirrtheit bezüglich des Genres auslöste. Dahinter steht sicherlich die Weigerung des Quartetts, immer in der gleichen musikalischen Position zu verharren.

 

Dennoch kann man die balkanesk bis tangoesk gefärbten Kammerjazzstücke und unorthodoxen Songs mit ladinischen Dialekttexten einordnen. Wenn man zu Hause noch eine richtige CD-Sammlung hat, würde ich empfehlen, sie einfach im alphabetischen Sinne zu verstauen, also unter D. Wenn man die CD digital einordnet, dann bitte unter den Genres Tango, Minimal, Klezmer, Jazz, Latin, Alpin, Balkanpop, Indie oder Alternative.

 

Das alles aber kümmert die leidenschftlichen Musiker wenig, sie fegen mit einer betörenden Leichtfüßigkeit und mitreißender Tiefe über das Parkett, spielen die alpine Identität gegen rhythmusbetontes Latin aus und verwandeln Etüden und Fingerübungen für Klavier in herzzerreißende Kompositionen, wie der Pianist Thomas Castañeda, der auch die meisten der Songs komponiert. Die unterschiedliche Herkunft der vier Musiker ist vielleicht auch ein Teil des vielfältigen Repertoires. Castañeda ist Tiroler mexikanischer Abstammung, Maria Craffonara Ladinerin aus Südtirol, Jörg Mikula (CD Tipp: „Drumsongs“ - Kompositionen für Solo-Schlagzeug) kommt aus der Steiermark, der Cellist und Klanggestalter ist der einzige Wiener im Ensemble.

 

Das Publikum feierte die vier Donauwellenreiter als Helden einer neuen Musikgattung, der Applaus wollte und wollte nicht enden. Lediglich ein Wunsch blieb offen, mehr über Marias sonderbare Sprache zu erfahren, was wir aber gerne hier nachholen im Anhang*.

(lf)

 

 

*Ladinisch...

...ist eine neulateinische Sprache. Entstanden ist sie durch die Romanisierung der Alpen. Die ladinische Sprache ist die direkte Weiterführung des gegen Ende des römischen Reiches in den Alpen gesprochenen Volkslateins. Der Untergang des Rätischen in den Alpen ist vergleichbar mit dem Untergang des Gallischen in Frankreich.

 

Die Bewohner des Gadertals in Südtirol pflegen diese uralte Sprache. Gleich hinter St. Lorenzen im Pustertal, beginnt das Land, dessen Grenze eigentlich eine Sprachscheide ist: Ladinien. Das Gadertal, das sich von hier verästelt durch die Felsen zieht, ist eins von fünf Dolomitentälern rund um das Sellamassiv, in denen sich in aller Abgeschiedenheit eine uralte Sprache erhalten hat. Entstanden vor 2000 Jahren aus einer Mischung von Rätischem und Volkslatein, unverständlich für Fremde, in jedem Tal ein wenig anders. Fünf Arten von Ladinisch soll es geben. Die Ladiner gelten als verschlossen, weil sie Bergbewohner sind und bei allem Gemeinschaftssinn große Individualisten, dabei sensibel, künstlerisch veranlagt und sehr musikalisch.

 

Auf Ladinisch heißt das Gadertal Badia. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel es mit den vier anderen Tälern von Österreich an Italien, sie wurden aufgeteilt, obwohl sie zusammengehörten wie die Finger einer Hand: Ampezzo und Buchenstein zur Provinz Belluno, Fassa zur Provinz Trient, Badia und Ghërdeina, das Grödnertal, zur Provinz Bozen. Seitdem sind Südtirols Ladiner eine Minderheit in der Minderheit. Auf dem Sellajoch demonstrierten 1946 Tausende gegen die Willkür der Dreiteilung, für ein wiedervereintes Ladinien. Vergeblich. Die Nachbarn nahmen die kaum 18000 Südtiroler Ladiner lange nicht für voll, den einen galten sie als "Krautwalsche", die anderen betrachteten die ladinische Sprache als italienischen Dialekt. Erst 1951 wurden die Ladiner der Provinz Bozen als eigene Sprachgruppe anerkannt.

 

Ab der zweiten Schulklasse gilt das paritätische Unterrichtsprinzip, eine Hälfte der Wochenstunden wird in Italienisch, die andere in Deutsch unterrichtet. Für Ladinisch bleiben zwei Wochenstunden in der Grundschule, in den höheren Schulen eine. Aber wenn nach dem Läuten die Türen der Klassenzimmer aufgehen, ist es da, das Ladin...

 

 

 

 

 

 











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