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13.05.16 - 09:51 Uhr

Zum Affen berichtet


Die Deutung von Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ ist ein müßiges Unterfangen. Angefangen bei Kafkas Nachlassverwalter Max Prod, der seinen Zeitgenossen grundsätzlich unter jüdischer Perspektive auszulegen versucht war, bis hin zu einer psychoanalytischen Interpretation, in der der Schuss in den Bauch Rotpeters als kindheitlicher Kastrationsschock dargestellt wird, hat es bereits alles gegeben.

Gerade Kafkas Werke erlauben und fördern die eigene Gedankenwelt, was der deutsche Philosoph Theodor Adorno in Bezug auf Kafka am schönsten formuliert hat: „Jeder Satz spricht: deute mich und keiner will es dulden.“

 

Wenn Georg Clementi im Auftrag Kafkas die Bühne betritt, eröffnet er also ein Spiel. Vom ersten Satz weg ist das Publikum - und hier jeder für sich - eingeladen, den Bericht des Affen? Rotpeter und Rotpeter selbst, für sich zu erfassen und mit dem eigenen Dasein abzugleichen. Clementis Darstellung des menschgewordenen (auch darüber lohnt es sich nachzudenken) Affen, ist eine überaus intime, geradezu sinnliche. Die überschäumende Gestik, sein mitreißendes Minenspiel und ganz besonders der heftige Einsatz seiner Stimme in Sprache und Affenlaut sind überzeugende Beweise, dass er als Verkörperung des Rotpeter jegliche Scheu verloren hat und damit tatsächlich zum Tier geworden ist. Die weit aufgerissenen Augen, die vom ekstatischen Tiersein rührenden Speicheltropfen am Kinn, die in der Videoprojektion hundertmal nasser werden, ein weiter Satz ins Publikum, diese und unzählige weitere, fast furchteinflößende Details, lassen an Clementis Rotpeter keine Zweifel aufkommen. Er ist es. Und Clementi ist Rotpeters Alter Ego, der smarte, eloquente Charmeur, umgeben von einem Hauch duftigen Chauvinismus, der als Entertainer und Erzähler die zivilisierte, sprich menschgewordene Fassung Rotpeters verkörpert. Beides so dicht aneinander, so zutiefst authentisch darzustellen, ist schlicht eine Glanzleistung.

 

Carl Philip von Maldeghem berücksichtigt in seiner Inszenierung alle Symboliken und dramaturgischen Effekte, wie sie Kafka ursprünglich dargestellt hat. Das Händeschütteln, die Schnapsflasche bis hin zur äffischen Gespielin, in deren Augen Rotpeter nicht mehr sehen kann, ist Maldeghem nahe am Meister selbst. Alleine in der Wandlung Rotpeters, oder besser in deren Fehlen, verleiht Maldeghem dem Stück einen äußert genialen und zutiefst rührenden Verlauf. In Maldeghems Fassung entwickelt sich Rotpeter nicht vom Affen zum Menschen, sondern ist immer beides zugleich. Geschliffenste Rede folgt auf inbrünstige Affenschreie, gescheitelter Gentleman auf animalische Akrobatik. Und ebendiese unmittelbare Dualität gebiert neue, wundervolle Betrachtungsweisen des MenschenAffen Rotpeter, dessen Nachahmen, Lernen und Berichten im Namen des Ausweges nichts weniger ist, als die Inkompatibilität von Verstand und Seele und die Darstellung unserer Todesangst vor wahrer Freiheit. Rotpeter war nie Mensch, genau so wenig wie wir es jemals sein werden. Er ist, wenn man so will, die aufrichtige Fassung von uns. Wenn sich Clementi am Schluss mit baumelndem Gemächt ein letztes Mal zum Affen macht und einmal mehr beteuert, nur berichtet zu haben, erinnert er uns genau daran.

Ein lautes „Da Capo“ an Regisseur Carl Philip von Maldeghem und einen furiosen Georg Clementi. Noch einmal bitte! Noch einmal eintauchen in die menschliche Seele, noch einmal teilhaben an der fesselnden Analyse der Darwinschen Theorie, an deren Beginn wir offenbar noch immer stehen. Ausnahmetheater vom Allerfeinsten.

(mw)











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