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03.04.17 - 10:19 Uhr

Der Charakter ist tonangebend


Die vier Charaktertypen der Antike in einem Konzertprogramm zu verarbeiten, ist schon ein recht ambitioniertes Vorhaben. Der Wiener Kammerchor unter der Leitung von Michael Grohotolsky begegnete dieser Herausforderung mit einem Lächeln, mit Zornesfalten oder einem anderen Ausdruck – je nachdem, was gerade am Programm stand.

 

Eingeleitet wurden die vier Kapitel vom jeweils passenden Satz aus Heinz Kratochwils „Vier Temperamenten“. Lediglich beim Sanguiniker ließ man dem verspielten Mozart mitsamt seiner Ouvertüre zur Zauberflöte den Vortritt. Als Wiener Ensemble, das in Salzburg auftritt, weiß man schließlich, was sich gehört. Vom Wiener Kammerchor als einem der traditionsreichsten und schlicht besten Chöre hierzulande würde man nichts anderes erwarten als ein vokales Gustostückerl nach dem nächsten. Mission accomlished.

 

Einmal mehr ist es die ansprechende Ausgewogenheit zwischen Frauen- und Männerstimmen und das feinfühlige Spiel mit den Dynamiken, die die einzelnen Stücke so wunderbar reichhaltig und ausdruckstark werden lassen. Der Bösewicht in Kratochwils Choleriker schwillt heran, bis er vor Wut platzt, Edward Elgar schielt in „Love’s Tempest“ voller Trauer auf Schuhmanns „Zuversicht“, ach wie gern wäre man doch einmal heiter. Auch wenn Thomas Morley mit brennendem Herz nach Hilfe ruft, bleibt der Chor präzise und gefasst wie Uhrwerk. Lediglich einem Sänger wird es irgendwann zu viel der Gefühlsduselei, was in - an Chor und Publikum adressierte - unflätige Beschimpfungen mündet. So ein Choleriker ist eben der Sklave seines Charakters.

 

Einen überraschenden und ganz hinreißenden Effekt erzielte das Ensemble mit der Verwendung von Weingläsern in Ēriks Ešenvalds „The New Moon“. (Sie wissen schon, mit dem Finger den Glasrand entlang und et voilá…) Der Chor verwob den Hall mehrerer Gläser zu einem wahren Klangwall, ließ ihn wieder zusammenfallen und leitete ihn durch die Partitur, als wäre er ein Teil davon.

 

Ein herzliches Dankeschön an Hippokrates für das Erdenken der Viersäftelehre und einen dicken Applaus an den Wiener Kammerchor für dessen fesselnde, vokale Renaissance.

(mw)

 











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