Kulturverein Kunstbox Seekirchen - Home
NewsProgrammKulturvereinServiceLinksEmailwerk
AktuellArchiv
Archiv
08.12.16 - 16:58 Uhr

Der Messias – nicht von Händel!


Überraschung Nummer eins: Der Messias tritt im Stück von Autor Patrick Barlow gar nicht in Erscheinung, wenn man vom Baby in der Krippe einmal absieht. Überraschung Nummer zwei: es gibt statt einer durchgängigen Weihnachtsgeschichte zwei Handlungsebenen. Keine Überraschung: Georg Clementi und Edi Jäger adeln das Stück zum ganz großen Theater mit vielen Überraschungen und unerwarteter Tiefe.

 

Der Messias sind zwei Stücke in einem. Abwechselnd personifizieren Clementi und Jäger die Rollen von Maria, Joseph, Gabriel, Gott, Herodes, Hirten, Hebamme und weiteren Figuren aus der Weihnachtslegende und schwenken urplötzlich auf die Beziehung zwischen den beiden Darstellern im Hier und Jetzt. Wo gerade noch zwei römische Tribune hoch zu Ross ihre Soldaten nach Strich und Faden zusammengesch… haben, sprechen die beiden Darsteller wenig später über ihre Lebenserfahrungen und die Tücken des Daseins als Bühnenkünstler. Dass jede dieser Figuren ihre eigene, bestechende Charakteristik in Gestik, Stimme und Ausdruck erhält und diese Rollen in kürzesten Abständen gewechselt werden, zeigt das ganze Ausmaß an schauspielerischer Begnadung der beiden großartigen Mimen. Nicht minder faszinierend: Obwohl über dem ganzen Stück immer der Nimbus der Komödie schwebt, reicht die Dramaturgie von zwerchfellzerreißend komisch bis einschüchternd ernst, ja sogar depressiv. Clementi und Jäger füllen diesen riesigen Raum bis in den letzten Winkel mit einer phänomenalen Darstellung.

 

In einer der witzigsten Szenen, die Ankündigung einer Volkszählung durch Herodes vor dem Pöbel in Judäa, wird sogar das ganze Publikum mit einbezogen. Während Clementi als Herodes Rom und Kaiser die Stange hält, wiegelt Jäger den Pöbel mit Sprechkarten wie „verpiss dich“, „lang lebe Hannibal“ oder „Sch… Kaiser“ gegen den Redner auf. Das Publikum brüllt vor Lachen, wenn es nicht gerade eine Hetzparole schreien muss und man fühlt sich unvermittelt in Szenen aus Monty Pythons „Live Of Brian“ hineinversetzt.

 

Doch es geht auch anders. Die Darsteller in der Rolle der Darsteller bekommen sich in die Haare, was mit einer Watsche endet, Maria empfindet sich mehr als unglückliche Hausfrau denn Mutter des Auserwählten, die Hirten wirken in ihrer einfältigen Bodenständigkeit beinahe frustrierend. Was sich hier wieder erheiternd liest, ist auf der Bühne bitterernst. Im Messias wird das Weihnachtsmärchen mehr als einmal entzaubert. Sogar Gott wirkt im Gespräch mit einem Cherubim nicht unbedingt als Herr der Lage.

 

Es ist die schnell folgende Kombination von Klamauk und Ernsthaftigkeit, die den Messias so spannend, kurzweilig und besonders macht. Es kommt fast nie, wie man es erwartet, das aber regelmäßig. Und es sind Georg Clementi und Edi Jäger, die beiden fabelhaften Mimen, die den Messias auf strahlendes Abendsternniveau bringen.

(mw)

 











<- Zurück zu: Archiv